Was wollen weibliche Politiker noch erreichen? – Aufsätze der Obersekunda einer Lübecker Oberschule

Möglicherweise sind es die Politikerinnen von morgen, die in der Ernestinenschule, Oberschule für Mädchen in Lübeck, das Thema „Was halten Sie von der Gründung einer reinen Frauenpartei und den Möglichkeiten ihres Wirkens im Bundestag“ behandelt haben, das nach der Gründung einer „Partei der Frauen“ in Flensburg gestellt wurde. Sechs von zehn Mädchen der Obersekunda im Alter von 16 Jahren haben sich dieses Thema, das im Unterricht nicht besprochen worden war, wie der Lehrer ausdrücklich mitteilt, für einen Hausaufsatz gewählt und mit großem Fleiß die Unterlagen dafür beschafft. „Ich könnte mir denken“, so schreibt der Leiter der Anstalt, der uns die Arbeiten zur Verfügung stellt, „daß Ihre Leser mit Freude sehen, wie verständig und verantwortungsbewußt junge Menschen solch ein Problem behandeln.“

Eine Bonner Bundestagsabgeordnete erwähnte kürzlich in einem Gespräch, sowohl ihre Töchter als auch deren Schulkameradinnen hätten wenig Verständnis dafür, ja, sie übten Kritik daran, daß ihre Mütter in politischen Geschäften aufgehen und ihre Familie und ihr eigenes Leben vernachlässigen. Die jungen Mädchen ließen auch keinen Zweifel, daß sie dieses Leben der Mütter nicht nachahmenswert finden. Hören wir also einmal die Obersekundanerinnen von Lübeck.

Das von ihnen angeführte Quellenmaterial zeigt sehr wohl, daß sie ihre Luise Otto-Peters, Helene Lange und Gertrud Bäumer kennen, also die kämpferische Zeit der Frauenbewegung, die die heutige Gleichberechtigung der Frauen im politischen Leben erwirkte. Ihre Zitate aus Zeitungen, aus den Leitsätzen der „Partei der deutschen Frauen“, aus Reden der Bundestagsabgeordneten beweisen auch, daß sie über das heutige Wirken der Frauen im öffentlichen Leben auf dem laufenden sind, aber diese Mädchen selbst sind nicht mehr revolutionär und temperamentvoll kämpferisch, sondern, trotz ihrer großen Jugend, abwägend, kritisch und überaus einsichtig, auch wenn sie alle für eine Gestalt wie Evita Peron schwärmen, wie sich das für ihr Alter gehört. Vier von ihnen kommen zu dem Schluß, daß eine eigene Frauenpartei und eine der Überzahl der Frauen entsprechende Frauenmehrheit im Bundestag nicht wünschenswert wären, und auch eine fünfte Arbeit bejaht die Frauenpartei nur mit vielen Einschränkungen. In logischer Gliederung legen die selbstbewußten Mädchen ihre Gedanken dar, daß durch die Anstrengungen ihrer Mütter und Großmütter für sie keine Notwendigkeit mehr besteht, auf die Barrikaden zu steigen. Ja, sie sind skeptisch und sehen die Grenzen der Möglichkeiten für die Frau, die ihre Großmütter noch nicht sahen und sehen wollten. So schreibt Hildegard H., deren Arbeit mit einem „Sehr gut“ des Deutschlehrers und einem ausdrücklichen „Lobenswert“ des (allerdings männlichen) Schulleiters begutachtet wurde, zu den drei von ihr selbst gestellten Fragen „Sind die Frauen imstande, mit einer reinen Frauenpartei das Wohl des Staates zu fördern?“, „Wie denke ich mir die politische Tätigkeit der Frau?“ und „Wie kann die völlige Gleichberechtigung der Frau ausgelegt werden?“:

Parteikampf macht häßlich

„Als sich kürzlich eine Politikerin über die Frau in der Regierung äußerste, sagte sie: ‚Der sogenannte politische Kampf mit seinen Parolen ist nichts für die Frauen. Parteipolemik und Dogmenverkrampfung machen häßlich. Wir wollen der politischen Frau ein schönes Gesicht verleihen.‘ – Die Verfasserin hat recht“, so fährt Hildegard fort, „wenn sie sagt, daß der Parteikampf häßlich macht. Sehen wir uns einmal die politisch tätigen Frauen an, so müssen wir zugeben, daß die meisten von ihnen einen stark vermännlichten Zug tragen. Wenn die Frauen aber eine eigene Partei gründen wollen, dann müssen sie den Parteikampf auf sich nehmen ohne Rücksicht auf das „schöne Gesicht“, das sie der politisch tätigen Frau verleihen wollen; denn mit einem Lächeln ist in der Politik noch lange nichts erreicht. (Hier ein rotes Fragezeichen des Lehrers am Rand.) Die Frauenbewegung betont immer wieder, daß der Staat die Mütterlichkeit brauche. Haben die Frauen sich genügend überlegt, ob die Familie die Mutter entbehren kann? Es ist geradezu unsinnig, von der Einschaltung der Mütterlichkeit für den Staat zu sprechen in einer Zeit, in der die glückliche Gemeinsamkeit der Familie aufs ärgste bedroht ist. Die Frauenparteien sind sich anscheinend über die wahre Aufgabe der Frau nicht klar. Die Frau gehört in erster Linie in den Familienkreis und nicht in die Politik. Gewiß soll sie sich den politischen Tagesfragen gegenüber nicht verschließen, aber sie kann nicht zwei verschiedene Aufgaben zu gleicher Zeit erfüllen. Schon die berufstätigen Frauen, die eine eigene Familie haben, beweisen, daß sie ihrer Aufgabe als Mutter nicht immer in vollem Maße gerecht werden können.

Was nützt es uns, wenn Frauen in zunehmendem Maße in Verwaltungs- und Regierungsstellen sitzen, in der eigentlichen Zelle des Volkslebens, nämlich in der Familie, jedoch völlig ungesunde Zustände herrschen? Eine Frauenpartei schadet dem Staa:e mehr, als daß sie ihm nützt, wenn sie den Familien die führende Hand der Mütter entzieht.