Apulien: Süditalienische Landschaft mit großer Vergangenheit, aber mit wenig Liebe zur Politik

Von Hubertus Prinz zu Loewenstein

Mehr als in anderen Provinzen Italiens findet man in Apulien die Häuserwände mit den Inschriften und Symbolen der Kommunisten bedeckt, und Parteibüros mit dem Sowjetstern sind selbst in den kleinsten Städtchen eingerichtet. „Apulien ist arm“, so sagt mir eine junge Frau in Otranto, „und man tut nichts für uns“. Bessere Eisenbahnverbindungen? „Non é per noi!“ (Dabei sind die Verbindungen eigentlich sehr gut). Bessere Straßen? „Non é per noi!“ (Aber das große Hilfswerk der italienischen Regierung für den Süden läßt mit Hilfe der Cassa per il Mezzogiorno überall Straßen und viele wichtige Bewässerungsanlagen bauen). Herrichtung der herrlichen Badestrände, die mit dem Lido und mit Viareggio konkurrieren könnten? „Nicht für uns, nicht für Apulien!“

Tatsache ist aber, daß die Menschen in Apulien zu verträumt, zu sehr in sich verponnen sind, als daß sie die aufmerksamkeit auf ihr schönes land zu lenken wüßten. Zwar hat jede Stadt ihr Touristenbüro. Geht man hin, findet man es meist geschlossen. Es hat doch keinen Sinn –!

Und so bleibt der Fremdenstrom aus, und dabei wäre so viel zu sehen und zu genießen Vor allem natürlich hohenstaufische und normannische Kastelle und Kathedralen. Aber es ist auch beachtenswert, daß der Reisende in Apulien billiger lebt als anderenorts; das Volk ist besonders deutschfreundlich und gastfrei Jeder Fremde wird als willkommener Bote aus der Außenwelt empfangen. – Hoch oben auf dem Monte Gargano versäumte ich einmal den Autobus. Ein Arzt nahm mich mit, brachte mich in sein Haus am Strande von Siponto und holte den besten Wein heraus. In Leere lernte ich einen kleinen Geschäftsmann kennen, der einen Papierladen hatte. „Sie finden keine Literatur über unsere Stadt?“, sagte er und nahm mich mit nach Hause. Aus seiner Bibliothek holte er ein seltenes, pergamentgebundenes Werk heraus und schenkte es mir. „Senza complimenti, Signore!“

Einmal ist in jüngster Vergangenheit das dahinträumende Land aufgeweckt worden –: im zweiten Weltkrieg und für eine kurze, furchtbare Stunde. Eine Trümmerstadt – das war mein erster Eindruck, als ich Foggia sah. Foggia, das war einmal ein Weltbegriff! Als Hauptstadt des Reiches unter Kaiser Friedrich II. drei glorreiche Jahrzehnte lang emporgehoben über alle anderen Städte des Erdkreises. ‚Was wird Foggia dazu sagen?‘, so fragten damals die Leute bei jedem europäischen Ereignis. Denn „Foggia“ war einmal eine Kurzform für „Kaiser und Reich“. Und heute? „Bombardamenti bestiali“ sagt der Hotelportier; Bombenangriffe vom Mai bis zum Dezember 1943. Es gab über 22 000 Tote, darunter viele deutsche Soldaten. Als die Alliierten einmarschierten, fanden sie die Stadt menschenleer. Diese Sieger haben – und beim Rundgang durch die Stadt sieht man’s Schritt für Schritt – auch dafür gesorgt, daß ein neues Foggia entstand, mit Marshallgeldern. Foggia hat heute wieder mehr als 100 000 Einwohner. Übrigens sind alle italienischen Städte heute dichter besiedelt als vor dem Krieg, denn aus den verlorenen Kolonien sind große Scharen von Heimatvertriebenen gekommen, und ferner wachsen die Städte, weil die Landflucht erschreckende Ausmaße angenommen hat, vor allem in Apulien.

Auf der Piazza Federico II