Semjonow, der als Berater abtrat, kam zurück als Hoher Kommissar. Aber für die Bevölkerung der Ostzone ist es nahezu gleichgültig, ob sich die sowjetische Verwaltung als Militäradministration, Kontrollkommission oder – jetzt zum ersten Male – Hohe Kommission bezeichnet. Ob Schukow, Sokolowski, Tschuikow oder Semjonow – sie alle sind lediglich Beauftragte eines Systems, das konsequent darauf hinarbeitet, das besetzte Gebiet in einem gewaltsamen Umformungsprozeß zu bolschewisieren. Dennoch wäre es falsch, in der Bildung der sowjetischen Hohen Kommission ausschließlich eine Formalität zu sehen. Das Auffällige ist vielmehr, daß Semjonow nun Hohen Kommissar ernannt wurde, nachdem er in Berlin erst vor sechs Wochen von dem Vertreter der Sowjetunion beim Kominform, Pawel Judin, abgelöst worden war. Das Hin und Her einer Rückberufung und überraschenden Wieierbetrauung mit dem wichtigsten Sowjetposten in Deutschland läßt einen Schluß zu: zwischen April und Ende Mai hat in Moskau eine eingehende Diskussion über die Deutschlandpolitik stattgefunden. Ihr Ergebnis führte dann zu dem Beschluß, nach einer Phase der isolierenden Beschränkung auf die eigene Zone in Deutschland wieder aktiv zu werden, und zwar auf einer taktischen Linie, die Semjonow vertritt;

Semjonow hat 1946 einmal bemerkt, das Land zwischen Oder und Elbe habe „eine große Zukunft“. Dieser nicht sehr aufschlußreiche Aphorismus erhielt einen tieferen Sinn durch die Viethoden, die Semjonow in sieben Jahren nach dem Krieg als politischer Berater der jeweiligen sowjetischen Besatzungschefs anwandte. Im Gegensatz zu den Anhängern der ungeschminkten Annexionspolitik, wie Oberst Tulpanow, bemühte ich Semjonow stets, ein zweites Gleis frei zu halten. Sein Blick ist aufs Ganze gerichtet, auf ganz Deutschland nämlich. Ihm kommt es nicht tusschließlich darauf an, das „Land zwischen Oder und Elbe“ nur zu einem militärisch-politischen Glacis vor Polen und der Tschechoslowakei zu entwickeln. Er denkt sich die Ostzone vielmehr als den Kern eines gesamtdeutschen Staates, der sich an die Sowjetunion zunächst anlehnen und am Ende dem Ostblock anschließen müßte. Die Semjonowsche Spielart der sowjetischen Deutschlandpolitik besteht also darin, daß er in langfristiger Planung die Hand nach dem ganzen Deutschland ausstrecken will, ohne das Teilgebiet – die Zone – dabei fahren zu lassen. Die seit der Berliner Blockade zu erkennende taktische Nuance seiner Antipoden in der Sowjetzone war durch die Tendenz charakterisiert, zugunsten des festen Besitzes jenes Teils vorläufig auf den größeren Rest zu verzichten.

Wer wie Semjonow der Ostzone eine so große Aufgabe zuweisen will, muß in der Gegenwart Konzessionen machen, um in der „großen Zukunft“ die Scheuer füllen zu können. Nicht aus einem Mangel an Bolschewisierungsfreudigkeit stammt demnach die konziliante, das deutsche „Nationalbewußtsein“ ermunternde, die Holzhackermethoden der SED-Funktionäre gelegentlich mit einem verächtlichen Blick streifende Haltung des neuen sowjetischen Hohen Kommissars. Er ist ohne weiteres bereit, den „Fortschritt“ in der Ostzone ein wenig zu zügeln, hier eine nationaldemokratische Partei, dort eine Nationale Front ins Leben zu rufen, Vereinigungsgespräche anzuknüpfen und gelegentlich die Saiten des Rapallo- und des Berliner Vertrages anklingen zu lassen. Das alles kostet nichts und kann viel einbringen. Denn der Kreml hat beobachtet, wie schon seine sparsamen Friedensgesten und das Geplauder von einer neuen Viererkonferenz das westliche Lager durcheinander bringen. Und so soll Semjonow als dem „Hochkommissar“ die bessere Möglichkeit gegeben werden, mit den Westkommissaren direkt ins Gespräch zu kommen.

Der heute erst zweiundvierzigjährige Wladimir Sergei Semjonow ist also der erste Zivilist, den Moskau den drei westlichen Zivilisten gegenüberstellt. Eine ganze Reihe von deutschen Politikern kennen ihn seit Jahren als einen Mann, der westliche Umgangsformen, eine ausgezeichnete Beherrschung der deutschen Sprache, eine umfassende Kenntnis deutschen und westeuropäischen Kulturguts sein eigen nennt. Man sagt dem etwas gedrungenen, immer elegant gekleideten Moskauer Berufsdiplomaten nach, er sehe aus wie ein Deutscher, bewege sich wie ein Franzose, spreche wie ein Engländer, und das alles, um zu verbergen, daß er als Sowjetrusse denkt.

Voraussichtlich wird der geschmeidige Semjonow die westlichen Kommissare fortan gefällig und verbindlich ansprechen, so wie er den sogenannten bürgerlichen Politikern in der Sowjetzone oft in gefälliger Pose entgegentrat. Aber ebensowenig wie Semjonow entgegen den Erwartungen der bürgerlichen Illusionisten in der Sowjetzone die SED aufs tote Gleis gesetzt hat, wird er bei freundlicheren Gesprächen mit den Vertretern des Westens auf die von ihm seit sieben Jahren für Moskau betriebene Politik verzichten: auf die Einbeziehung ganz Deutschlands in den sowjetischen Einflußraum. Welche Rolle der Kominform-Ideologe Judin spielen wird, der Nachfolger Semjonows als politischer Berater, erscheint jetzt klar: er wird unter Semjonow die politischideologische Kampagne ausschließlich in die Hand nehmen.

Das Rezept, mit dem Semjonow nach Berlin zurückgekehrt ist, mag neu sein – das Konzept, mit dem er arbeitet, ist alt. Indessen, Moskaus Uhr in Deutschland geht nach. Wenn sich Semjonow seines Rufs als Deutschlandkenner würdig erweisen will, müßte er zunächst begreifen, daß die Bundesrepublik heute wieder einer der bedeutendsten Faktoren Europas ist – auch ohne Divisionen. Die Stunde, in der es möglich gewesen wäre, das ganze Deutschland zum willenlosen Anhängsel eines Machtblocks zu machen, ist vorbei. Daran kann auch Semjonow nichts ändern.

Sch.