H. L., Wien, im Juri

Als man vor zwei Jahren in Lissabon beschloß, die Einladung Österreichs zur Abhaltung des 14. Kongresses der Internationalen Handelskammer in Wien anzunehmen, ahnte man nicht, in welcher politischen Atmosphäre diese Tagung des Jahres 1953 stattfinden würde. Man ahnte nicht, ob die Sowjets „charoscho“ sagen oder mit dem Säbel rassein würden. Nun, sie sagten „charoscho“; denn es meldeten sich zwei Mitglieder der sowjetischen Kontrollkommission in Österreich als Beobachter bei der Kongreßleitung an. In Delegiertenkreisen ging gleichzeitig das Gerücht um, 40 Außenhandelsfachleute aus dem Ostblock seien in Wien aufgetaucht, um von der sowjetischen Zone aus mit Wirtschaftsexperten der westlichen Welt inoffiziell Fühlung aufzunehmen. Da die Einreise aus dem Osten nach Österreich unkontrollierbar ist, können die zuständigen österreichischen Stellen die ausgesprochenen Vermutungen weder bestätigen noch dementieren. Aber es sollte als ein günstiges Zeichen angesehen werden, wenn anstatt unerwünschte Friedenskämpfer aller Rassen und Farben plötzlich östliche Handelsdelegierte in der österreichischen Hauptstadt aufgetaucht sind. Vom Warenverkehr läßt sich über Eiserne Vorhänge hinweg immer noch leichter reden als über Ideologie...

Der Wiener IHK-Kongreß war so etwas wie eine Manifestation der freien Welt für den freien Handel, für die Schaffung größerer Märkte und austauschfähiger Währungen. Manches von diesen Manifest war in östlicher Richtung gesprochen: Handel hebt den Wohlstand, auf beiden Seiten und zugunsten der Menschen auf beiden Seiten. Freilich konnte der Kongreß nicht darüber hinweggehen, daß die westliche Welt selbst von den Idealen, die sie proklamiert, bedauerlich weit entfernt ist. Der schwedische Industrielle Rolf von Heidenstam mahnte die Delegierten, sich den Optimismus der Österreicher, mit dem diese seit acht Jahren ihr Besatzungsschicksal meistern, zum Vorbild zu nehmen. Er wollte damit wohl sagen, daß es einer großen Portion von Optimismus bedarf, um beim Vergleich der von der IHK geprägten Grundsätze mit der rauhen Wirklichkeit des Welthandels und der Welthandelsbehinderungen nicht mutlos zu werden.

Die österreichische Regierung lud die tausend Delegierten des Kongresses zu einem Empfang ins Schloß Schönbrunn, in dem nicht nur die Kaiserin Maria Theresia, sondern auch Napoleon und (vor einigen Jahren) der britische Besatzungskommandant residierten. Die Österreicher haben das überdauert, und so werden auch die zahllosen Rückfälle der Demokratien in die Begünstigung der Unfreiheit auf dem Gebiete der Wirtschaft immer wieder als Absurditäten sich selbst erledigen. Es wäre aber ungerecht, wollte man vom Wiener Kongreß nur wie von einer Veranstaltung mit Stimmung und Atmosphäre sprechen, – in den einzelnen Arbeitsausschüssen wurde ein großes Arbeitspensum bewältigt, vor allem in den juristischen Ausschüssen, die Fragen unmittelbar praktischer Bedeutung zu klären hatten, wie die des internationalen Patentschutzes, der Schutzmarken und u. a. der geographischen Ursprungsbezeichnung. Die auf allen Gebieten der Wirtschaftspolitik von der IHK ausgearbeiteten Empfehlungen werden von den Kongreßmitgliedern während der nächsten Jahre in ihren Heimatländern zur Richtschnur ihrer Initiative und laufenden Tätigkeit gemacht werden.