Von unserem Korrespondenten

Bonn, im Juni 1953

Die Ost-West-Handelskonferenz der ECE (Europäische Wirtschafts Kommission der UNO) in Genf war ein bescheidener Versuch, die von dem einst mächtigen Strom des Ost-West-Handels noch übriggebliebenen Rinnsale zu erhalten und ihnen, wo möglich, etwas neues Wasser zuzuführen. In Genf nahmen zum erstenmal offizielle Vertreter der Bundesrepublik mit einer sowjetischen Delegation Kontakt. Er brachte freilich bisher noch keine ermutigenden Ergebnisse. Man sprach in Genf über Ausdehnungsmöglichkeiten für die Kompensationsgeschäfte, auf denen zur Zeit der Warenaustausch zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion beruht. Das Gespräch soll fortgeführt werden, obwohl man sich bisher noch nicht einmal über den Verhandlungsort einigen konnte. Moskau wurde von unserer Seite abgelehnt und ein neutraler Ort von der Gegenseite. Als Gegenstände eines erweiterten Warenaustausches hat die Moskauer Delegation angeboten: Weizen, Erdöl, Mangan, Asbest und Holz. Aber die Wunschliste, die sie dafür präsentierte, ist für uns nur zu einem geringen Teil erfüllbar. Denn sie enthält Waren von strategischer Bedeutung, die wir wegen den Embargo-Bestimmungen nicht liefern können. Man interessiert sich zwar in Moskau auch für Textilien, Leder und Papier, die wir leicht liefern könnten. Aber der angemeldete Bedarf an diesen Waren ist gering.

Die Bundesrepublik hat die Embargo-Bestimmungen immer sehr ernst genommen. Schwarzgeschäfte zu deren Umgehung wurden im Falle der Entdeckung jedesmal streng bestraft. Der Bundeskanzler hat in Washington den Willen zur Fortführung dieser Linie betont. Aber nicht alle europäischen Staaten sind in dieser Beziehung so korrekt. Erst kürzlich hörten wir bei den Wirtschaftsbesprechungen mit tschechoslowakischen Vertretern, Frankreich und Belgien böten Maschinen an, deren Lieferung wir aus Gründen der Embargo-Politik ablehnten. Waren solcher Art gehen bekanntlich auf Schiffen verschiedener Nationalität, nicht zuletzt britischer, in einen Ostseehafen und erreichen von dort ihr Ziel in der Tschechoslowakei oder Polen. Unsere Liefermöglichkeiten sind demgegenüber beschränkt; nicht nur durch die Embargo-Treue, sondern auch durch die in der Regel sehr exzessive Auslegung des Begriffes „strategische Güter“ seitens der amerikanischen Behörden. Hier dürfen wir ein größeres Entgegenkommen erwarten. Denn eine angemessene Beteiligung am Ost-West-Handel ist für uns eine wichtige Frage. Eine Rückkehr zu dem Handelsvolumen von einst wäre allerdings auch ohne die politischen Hindernisse für uns nicht mehr möglich. Durch die Industrialisierung und Mißwirtschaft der Ostblock-Staaten haben sich ihre Liefer- und Bezugsmöglichkeiten geändert. Sie können bei weitem nicht mehr so viel an landwirtschaftlichen Produkten liefern wie früher.

Infolgedessen versickerte unser Osthandel immer mehr. Unser Export nach der Tschechoslowakei ging von 139 Mill. Reichsmark im Jahre 1936 auf 33,7 Mill. DM im Jahre 1952 zurück – dies bei verdoppelten Preisen! –; nach Ungarn von 83 Mill. im Jahre 1936 auf 64,8 Mill. Unsere Einfuhr aus der Tschechoslowakei sank in derselben Vergleichszeit von rund 112 Mill. auf 76 Mill., aus Ungarn von 93,3 Mill. auf 61,1.

Einen völligen Zusammenbruch erlitt unser Handel mit der Sowjetunion: Unsere Einfuhr sank von 149 Mill. Reichsmark im Jahre 1936 auf 1,9 Mill. DM im Jahre 1951, unsere Ausfuhr von 182 Mill. Reichsmark im Jahre 1936 auf 0,1 Mill. im Jahre 1951. In Prozenten ergibt sich folgendes Bild des westdeutschen Handelsverkehrs mit der Sowjetunion und den Satellitenstaaten:

Islands Anteil an der Ausfuhr nahm um ein Mehrfaches zu (Fischexport). – Auch England konnte einen Teil des uns verlorengegangenen Geschäfts für sich gewinnen.