Von Paul Hühnerfeld

Aristoteles war’s, der den Menschen zuerst als Zoon politikon, als „Gemeinschaftswesen“, definierte: jeder sei auf den Mitmenschen angewiesen, keiner lebe für sich allein. Aber was ist Gemeinschaft? Die Summe gegenseitiger Hilfestellungen? Dieselben Ideale? Dieselbe Bildung? Armut? Reichtum? Religion?

Vielleicht ist Gemeinschaft dies allein nicht, vielleicht ist es die gemeinsame Heimat; die Natur um uns, die langsam zur Landschaft erwuchs: mit Wäldern, Äckern, Wiesen, Wegen und Städten. Was geschieht, wenn wir aus unserer Landschaft getrieben werden? Wenn wir unsere Häuser zurücklassen müssen und unsere Felder, unsere Bilder, Bücher und vielleicht auch noch die Großmutter, die Ischias hatte? Was verbindet uns noch mit unserem Nachbar von einst, den wir nach Jahren in der Fremde wiedertreffen? Kennen wir ihn noch? Wissen wir noch seinen Namen?

*

Sie saßen in einem großen hellen Saal zusammen in einer großen Gaststätte in Hamburg. Sie kamen aus einer kleinen Stadt in Pommern, die an der Ostsee lag. Es ist nicht nötig festzulegen, welche es genau war; es könnte Cammin gewesen sein oder Kolberg oder Rügenwalde: die Unterschiede zwischen diesen Städten sind, aus der Ferne betrachtet, minimal; selbst daß Cammin eine Bischofsstadt aus dem 11. Jahrhundert war, während Rügenwalde, zwar auch alt und sogar Hansestadt, doch eigentlich mehr durch eine vorzügliche Teewurst in eine andere Art von Geschichte einging, spielt hier keine Rolle mehr, wenn man denkt, wie groß die bittere Gemeinsamkeit zwischen den beiden Städten heute ist: beide sind polnisch geworden.

Auf der Bühne des Saales saß eine kleine Kapelle in schwarzen Hosen und weißen Hemden. Sie spielte Märsche und Walzer. Die dichtbesetzten Tische standen eng um die Tanzfläche, auf der die Paare wegen der Fülle nur kurze Schritte und Drehungen tun konnten. Die Luft war nebelig von Rauch und stickig von Hitze. Die Unterhaltung an den Tischen klang wie das Gesumm ferner Flugzeuge: auch hier schwoll der Ton ab und an.

Sie sprachen von zu Hause. Sie erinnerten sich, daß dort drüben am Tisch rechts in der Ecke die Tochter des reichsten Mannes der Stadt saß. Er hatte eine Textilfabrik und im Garten ein Schwimmbad (das einzige im ganzen Landkreis und überdies wirklich ein Musterbeispiel von Luxus: der Strand war nur einige hundert Meter entfernt). Schon damals fiel die Tochter durch besonders kühne Kleider auf: im Winter mit tiefem Ausschnitt, im Sommer schulterfrei – (sogar in der Kirche, als ihre jüngere Schwester konfirmiert wurde).