Die Bezeichnung „Psychopath“ spielt im Vokabular unserer Zeit eine wachsende Rolle. Wenn einem nicht verständlich ist oder nicht paßt, wie ein anderer sich verhält, so ist man sehr schnell mit diesem Wort zur Hand. Das Wort hat etwas Kritisch-Verächtliches an sich, aber auch etwas Entschuldigendes. Denn der Psychopath kann eben nicht anders; er wird, indem man ihn als solchen bezeichnet, in einem gewissen Maß aus der Verantwortung entlassen. Dem Nordwestdeutschen Rundfunk ist dieses merkwürdige Problem aufgefallen, und er hat darüber im Nachtprogramm eine Diskussion veranstaltet, an der der Psychologe Prof. Dr. Heiss (Freiburg), Frau Irmgard Rexroth-Kern und Carl Linfert teilnahmen. Diese Auseinandersetzung war außerordentlich interessant. Denn die Frage nach dem Psychopathen enthält auch gleich die Frage danach, was normal ist und ob es überhaupt eine bestimmte Haltung gibt, die als normal bezeichnet werden, kann. Zur Definition des Psychopathen zog Professor Heiss den Psychologen Kurt Schneider heran. Er sagt, daß der Psychopath eine abnorme Persönlichkeit ist, die an sich selbst leidet oder an der andere leiden. Doch sei die Psychopathie, obzwar unter Umständen ein Leiden, keine Krankheit. Nach dieser Definition wird erklärlich, daß in vielen Fällen auch das Genie eine Art von Psychopath sein kann – nämlich dann, wenn es selbst an sich leidet oder wenn andere an ihm leiden. Dafür gibt es viele historische Beispiele. Denn abnorm ist das Genie auf jeden Fall.

Auch zur Frage der Abnormität leistete das Gespräch einen bemerkenswerten Beitrag. Es bestand schnell Einigkeit darüber, daß „abnorm“ im Leben soviel wie „anders“ bedeutet, und daß dies im allgemeinen schon genügt, um in der Gemeinschaft zu leiden. Professor Heiss führte einige Beispiele dafür an. Ein Kind leidet, wenn es, obwohl sonst gesund, eine Rückgratverkrümmung hat und in die Schule kommt. Ein anderes Kind leidet schon, weil es als einziges einen Lockenkopf hat, während alle anderen Kinder glattes Haar haben. Im allgemeinen bestimmt also die Mehrheit, was normal ist. Gelegentlich bestimmt es der einzelne –: es ist der, der die Anlage zum Tyrannen hat. Trotzdem ist, was abnorm ist, nicht einfach nur relativ. Auch das Tierreich hat schon Regeln eines normalen Verhaltens. Professor Heiss führte dafür ein interessantes Beispiel an. Eine bestimmte Möwenart, die im hohes? Norden nahe dem Nordpol lebt, ist vor Jahrhunderten ins Wandern geraten und hat seither auf einem der letzten Breitengrade den Nordpol umkreist. Die Tiere kamen schließlich wieder an ihrem Ausgangspunkt an und fanden dort noch Möwen vor, die die Wanderung nicht mitgemacht hatten. Nach der Rückkehr war aber ein Zusammenleben der Tiere nicht mehr möglich, sie waren Feinde geworden. Der Grund liegt darin, daß der Teil der Möwen, der die Wanderung mitgemacht hatte, im Laufe der Jahrhunderte die Begattungszeremonien geändert hatte. Jetzt waren die anderen für sie abnorm und – Feinde. Daraus ergibt sich, daß über die Abnormität nicht nur die Mehrheit bestimmt. F.