Rom, Anfang Juni

So geräuschvoll der Auftakt zu den italienischen Wahlen war, die am Sonntag stattfinden, so scheint doch der Elan von 1948 nicht erreicht zu werden. Es fehlt diesmal jene „Jetzt-oder-Nie“-Stimmung, die damals sowohl die demokratische Mitte wie die extreme Linke beseelte. Damals ging es um die Frage, ob den vereinten Sozialisten und Linkssozialisten der Sprung in die Macht glücken würde. Die KPI wurde zwar mit einem Drittel der Stimmen die stärkste kommunistische Partei diesseits des Eisernen Vorhangs. Aber zum Sieg reichte es nicht. Es wird auch diesmal nicht reichen – und damit ist das wichtigste Spannungsmotiv weggefallen.

Wer mehr als die Hälfte der Stimmen erringt, erhält zwei Drittel der Mandate und damit die Möglichkeit, eine stabile Regierung zu bilden. Das bringt seltsame politische Vernunftehen mit sich. Die Parteien der Mitte – Democristiani, Sozialdemokraten, Liberale und Republikaner – marschieren gemeinsam. Aber der Mangel an Spannung ist eine gewisse Gefahr für diese Koalition. Denn, wenn das Bürgertum nicht vollzählig an den Wahlurnen erscheint, dann könnte es geschehen, daß diese Koalition nicht die 50,01 Prozent der Stimmen erhält, die notwendig sind, um die Prämie an Mandaten zu erlangen. Nach dem Ergebnis der letzten Gemeindewahlen könnte es ein knappes Rennen geben. Das bedeutet aber nicht, daß die Linke an die Macht kommen würde. Doch wäre die Stabilität der italienischen Innenpolitik dahin, wenn die Extremisten von links und rechts zusammengenommen ebenso stark oder gar stärker wären als die Koalition der Mitte.

Den Parteien, die sich am Rande ihres derzeitigen Blocks befinden, fallen bei dieser Konstellation die eigentlich dramatischen Aufgaben zu. Zwischen den im Lager der demokratischen Mitte befindlichen Sozialdemokraten und den mit den Kommunisten verbündeten Nenni-Sozialisten spielt sich der Kampf um die Stimmen der Arbeiter ab, zwischen dem rechten Flügel der Democrazia Cristiana und den Rechtsextremisten (Monarchisten und MSI) der Streit um die Ex-Faschisten. So kann man es erleben, daß die Partei Nennis Flugblätter herausgibt, die sich gegen den Kommunismus richten. De Gasperi wieder sucht die monarchistischen Gefühle weiter Bevölkerungskreise aufzufangen: „Die einzige Karte, die für den Monarchismus Wert besitzen könnte“, erklärte er in einer Turiner Wählerversammlung, „befindet sich in den Händen der Democrazia Cristiana“.

In diesem Kampf um die Randbezirke der großen Wählerreservoirs gelang dem – Staatssekretär Andreotti ein sensationeller Coup. Als er in einer democristianischen Wählerversammlung in Arcinazzo sprach, befand sich unter den Zuhörern Mussolinis einstiger Marschall Graziani, der – ohne eine Parteibindung eingegangen zu sein – lange Zeit eine stille Hoffnung der unter drückendem Duce-Mangel leidenden neofaschistischen „Missini“ war. Hier ergriff nun Graziani das Wort zu einer Absage an den MSI („Diktatoren können in einem Jahrhundert nur ein einziges Mal vorkommen“). Das schlug ein – bei den Exfaschisten, bei den Democristiani und auch bei den Sozialdemokraten, denen eine solche Schützenhilfe allerdings wenig sympathisch erschien. Immerhin stärken solche Vorkommnisse die Einstellung vieler Ex-Faschisten, die etwa lautet: wenn der Faschismus schon mit einem Mussolini mißlang, wie soll er ohne ernsthaften Duce-Kandidaten gelingen?

Noch ist der Wahlkampf nicht zu Ende. Die Tage bis zum Wahlsonntag werden gewiß noch Überraschungen bringen. Aber ein Kampf auf Biegen oder Brechen ist dieser nicht. o. f. b.