Der achtundsiebzigjährige Staatspräsident Südkoreas, Syngman Rhee, befindet sich in einer tragischen Lage. Seit seinem zwanzigsten Lebensjahr, seit 1895, hat er für die Unabhängigkeit seines Landes gekämpft und mehr noch gelitten – und in dem Augenblick, in dem sich der Sinn seines Lebens zu vollenden scheint, droht er für immer zu entschwinden und in der endgültigen Teilung seines Landes unterzugehen. Weder die Beschwörungen General Clarks, des Oberbefehlshabers der UNO-Streitkräfte, noch die persönlichen Botschaften Eisenhowers vermögen ihn davon zu überzeugen, daß das Ziel der militärischen Intervention der Vereinten Nationen, den Angriff abzuwehren, erreicht ist und durch einen Waffenstillstand besiegelt werden kann, und daß die Wiedervereinigung Koreas einer späteren Konferenz vorbehalten werden muß. Er glaubt nicht daran, daß die politischen Verhandlungen, die drei Monate nach dem Waffenstillstand beginnen sollen, zu einem Friedensvertrag, zum Rückzug aller fremden Truppen und zu kontrollierten freien Wahlen für ein wiedervereintes Korea führen könnten. Für ihn bedeutet ein Waffenstillstand nur die Anerkennung eines unhaltbaren Status quo. "Es ist mir völlig klar", pflegt er zu sagen, "daß Kommunismus nur durch Krieg besiegt werden kann... Wir müssen das einzige Ereignis herbeiführen, welches das sowjetische System nicht überleben kann – einen Rückschlag, eine Niederlage. Es muß eine Niederlage sein, die den Völkern Rußlands und der Satellitenländer nicht verheimlicht werden kann ... Und das kann nur durch eine militärische, nicht durch eine politische Niederlage erreicht werden. Unsere einzige Hoffnung, einem dritten Weltkrieg zu entgehen, liegt darin, dem Kommunismus eine solche Niederlage in einem der kleinen Kriege, vielleicht in diesem Kriege in Korea, zuzufügen."

Schon als vor zwei Jahren die ersten Friedensgespräche in Kaesong begannen, drohte Syngman Rhee, sich im Falle eines Waffenstillstandes mit seinen südkoreanischen Truppen allein bis zum Yalu-Fluß durchzuschlagen. Heute hat diese Drohung ein ungleich größeres Gewicht Selbst Churchill, der sich für ein Entgegenkommen an die kommunistischen Waffenstillstandsforderungen eingesetzt hat, mußte am 21. Mai im Unterhaus zugeben: "Die Auffassung der südkoreanischen Regierung, die gegenwärtig mehr als zwanzig gut bewaffnete Divisionen mobilisiert hat, kann nicht übergangen werden." Zwei Drittel der Front werden von der südkoreanischen Armee gehalten.

Selbstverständlich kann die dem Oberbefehlshaber der UNO, General Clark, unterstellte südkoreanische Armee diesen nicht daran hindern, ein Waffenstillstandsabkommen zu unterzeichnen wenn Peking und Moskau wirklich dazu bereit sind, auch kann sie ohne amerikanische Munition und Nachschub den Krieg allein nicht weiterführen. Wohl aber könnte sie den Waffenstillstand jederzeit durch einen Angriff wieder in Frage stellen oder seine Ausführung dadurch erschweren, daß sie sich von der Front zurückzieht und sich der Landung der tausend Mann indischer Streitkräfte widersetzt, die die heimkehrunwilligen Kriegsgefangenen übernehmen sollen. Diese Drohung ist von dem amtierenden südkoreanischen Ministerpräsidenten und Außenminister, Pyun Yung Tae, ausgesprochen worden. Selbst wenn Indien nicht an die Ausführung dieser Drohung glaubt, so wird es doch nie die ihm zugedachte undankbare und gefährliche Aufgabe ohne die Einwilligung beider Seiten übernehmen, wie der Sprecher des Außenministeriums in Neu Delhi erklärt hat. Noch weniger ist ein Erfolg der politischen Konferenz denkbar, wenn Syngman Rhee bei der Haltung bleibt, die er noch am Sonnabend verkündet hat, als er sagte: "Friede in unserem Lande ist unsere eigene Angelegenheit. Irgendeine internationale Diskussion darüber wird überhaupt keine Geltung haben."

Rhee hat es nicht bei Drohungen bewenden lassen. Er hat am 25. Mai seine Delegierten aus Panmunjom zurückgezogen und boykottiert seitdem die Waffenstillstandsverhandlungen. Er ist von Söul nach dem Süden geflogen und hat seine Minister dorthin kommen lassen, um "sich dem Einfluß der UNO und des amerikanischen Hauptquartiers zu entziehen". Vor allem hat Syngman Rhee seinen Verteidigungsminister Shin Tae Yung kürzlich an die Front geschickt. Dieser hatte mit allen Divisionskommandeuren Unterhaltungen unter vier Augen, und man fürchtet, daß er ihnen Geheimbefehle für den Fall eines Waffenstillstandes übermittelt hat.

Es ist keine Frage, daß die Jugend, die Flüchtlinge, die Armee und die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung sich mit Syngman Rhee und seiner Idee eines wiedervereinten Korea identifizieren und zu Opfern bereit sind, die für westliche Begriffe unvorstellbar sind. Ein langes leidvolles Leben, das unablässig der Unabhängigkeit Koreas gewidmet war, hat Syngman Rhee zu einer legendären Figur gemacht, der weder sein mißtrauisches und tyrannisches Wesen noch die Korruption seiner politischen Umgebung Abbruch tun können. Er personifiziert die von allen so heiß ersehnte Wiedervereinigung, er ist das freie, geeinte Korea.

Keine Phase seines an Qualen und Enttäuschungen reichen Lebens ist vergessen. Mit einundzwanzig Jahren wurde er als Studentenführer verhaftet, sechs Monate lang täglich den raffiniertesten chinesischen Foltermethoden unterworfen und dann zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt. Aus dem Gefängnis schmuggelte er Leitartikel für die von ihm mitbegründete erste, koreanische Tageszeitung heraus, die den wachsenden Einfluß Japans auf Korea bekämpfte. Im Gefängnis entstand auch sein Buch "Der Geist der Unabhängigkeit". Nach sieben Jahren wurde er in den Wirren des russischjapanischen Krieges 1904 freigelassen und ging nach Washington, Vergeblich versuchte er Theodore Roosevelt davon abzubringen, Korea im Frieden von Portsmouth den siegreichen Japanern auszuliefern. 1910 kehrte er nach Korea zurück und startete eine Untergrundbewegung gegen die Japaner, die eine enorme Kopfprämie auf ihn aussetzten. 1912 mußte er nach Hawai fliehen.

Damit begannen dreiunddreißig verbitternde Jahre des Exils, die er meist in Washington und Genf verbrachte. Um die japanische Regierung nicht in Verlegenheit zu bringen, verweigerte ihm das State Department den Paß zur Konferenz von Versailles und später zur Genfer Abrüstungskonferenz, auf denen er als gelehriger Schüler Wilsons das Selbstbestimmungsrecht seines unterdrückten Volkes vertreten wollte. Nur einmal kehrte er vorübergehend zurück, zwar nicht in seine Heimat, aber doch nach Asien. Ende 1919 ließ er sich in einen? Sarg in das internationale Viertel von Schanghai schmuggeln und gründete dort mit den dem japanischen Blutbad vom März jenes Jahres entronnenen Widerstandsführern die vorläufige Regierung der Republik Korea, zu deren Präsidenten er ernannt wurde. 1932 versuchte er in Genf anläßlich des japanischen Angriffs auf die Mandschurei den Völkerbund für Korea zu interessieren. Wieder vergeblich.