S-r, London, im Juni

In dem umfangreichen Zahlen- und Tabellenwerk dies Berichtes über die Entwicklung der Kohlenwirtschaft im Jahre 1952, den die Britische Reichskohlenverwaltung (National Coal Board-NCB) gerade veröffentlicht hat, überwiegen in den Abschlußzeilen die „roten Ziffern“: die Verluste also. Die hübsche Farbenwirkung kann freilich die Enttäuschung über den wirtschaftlichen und politischen Mißerfolg im Betrieb der verstaatlichen Kohlengruben nicht mildern...

Im Jahre 1952 förderten die Zechen, die 716 000 Arbeiter und mehr als 40 000 Angestellte beschäftigten, 229 Mill. t Kohle, d. h. nur 3 Mill. t mehr als im Vorjahre. Das Ergebnis war also unbefriedigend, und die Öffentlichkeit diskutierte es sehr kritisch. Nun muß die Kohlenverwaltung außerdem mit einer roten Ziffer berichten, daß der finanzielle Verlust 8,2 Mill. £ beträgt, verglichen mit einem bedeutend geringeren Vorjahrsverlust von 1,8 Mill. £. Die Jahre 1947, 1951 und 1952 waren Verlustjahre. Trotz der Überschüsse in den drei dazwischen liegenden Jahren betrug am Ende des Jahres 1953 das sogenannte kumulative Defizit noch 14 Mill. £.

Der Bericht hebt hervor, daß sich kaum zwei gleiche Betriebe unter den rund 900 Gruben finden lassen. Nur zwei Fünftel der Zechen erbringen einen Betriebsüberschuß. Der Rest der veralteten Werke arbeitet zum Teil mit sehr hohen Betriebsverlusten. Lohnsteigerungen bilden den größeren Teil der erhöhten Kosten des Jahres 1952. Aber die Preise aller Materialien stiegen ebenfalls beträchtlich. Die Kohlenverwaltung, die sich sehr ernsthaft bemüht, die Erzeugungskosten zu verringern, sagt im Bericht:

„Die Mehrzahl der Gruben ist veraltet, und die ertragsreichsten und leicht abzubauenden Flöze sind erschöpft; Jahr für Jahr müssen technische Verbesserungen aller Art durchgeführt werden, um die schlechter werdenden Abbaubedingungen und die größeren Entfernungen vom Schacht zum Ort auszugleichen

Die Verwaltung führt überdies großzügige Entwicklungsarbeiten aus und schleppt die mit Verlust arbeitenden Betriebe durch, lediglich um die Produktion nicht absinken zu lassen. Die Produktionsentwicklung im neue Jahre ist nicht besonders günstig. In den ersten 20 Wochen des Jahres stieg die Ausbeute auf 92 Mill. t, gegen 91 Mill. im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Die Gewerkschaften und die Labourpartei betrachten die Entwicklung der Arbeitsverhältnisse im verstaatlichten Kohlenbergbau mit großer Besorgnis. Trotz intensiver Mechanisierung, trotz der Fünftagewoche und wesentlich verbesserter Arbeitsverhältnissen sank die individuelle Arbeitsleistung. Ein Drittel aller im Jahre 1952 durch Streik verlorenen Arbeitstage entfielen auf den Bergbau.

Der Bericht selbst ist, wie üblich, an den Minister für die Energiewirtschaft gerichtet, vermeidet aber jegliche politische Bemerkung. Die Regierung ist offensichtlich bemüht, die weitere Politisierung des Kohlenbergbaues zu verhindern. Mitglieder der Konservativen verlangten die Einsetzung einer Untersuchungskommission, der Minister lehnte jedoch das Verlangen ab. Einige Volkswirtschaftler fordern „rücksichtslose Preiserhöhungen“, um die Rentabilität wieder herzustellen. Der Verwaltungsrat, der unvermeidliche Entwicklungsarbeiten ausführt, klagt über den Mangel an erfahrenen Ingenieuren und hofft, daß der hohe Aufwand für diese Arbeiten im Verlaufe der nächsten zehn Jahre auch finanzielle Erfolge bringen wird.