Auf das Selbst- und Zwiegespräch zweier Menschen ist der neue Roman von Heinrich Böll – Und sagte kein einziges Wort (bei Kiepenheuer und Witsch, Köln) aufgebaut: auf das Gespräch eines Mannes und das einer Frau. Das Thema ihres sich immer von neuem und quälend wiederholenden Gesprächs ist ihre Ehe, die an der Armut und der bedrückenden Enge des Alltags zerfällt. – Bis jetzt kannten wir Böll entweder als Satiriker oder als einen Erzähler, der immer ganz nah, fast zu nah an der Wirklichkeit ist und dessen Grundthema unsere Gegenwart bleibt: der Krieg, die Ruinen, der Schmutz und die Würstchenbuden des Alltags. Die Erzählungen „Wo warst du Adam“, „Der Zug war pünktlich“ zeugten in ihrer eindringlich-knappen Sprache von der ungewöhnlichen Begabung des Autors. Das neue Buch übertrifft beide an Reife und Kraft. Mit ihm hat sich Böll einen ersten Platz unter den jüngeren deutschen Autoren gesichert. Und dennoch: unsere Zustimmung kann nicht uneingeschränkt sein.

Wie auf einer photographischen Linse zeichnen sich in Bölls Buch Interieurs und Kulissen ab: die Vorstadtstraße, die Kneipe mit dem Spielautomat, die wegweisende, aufgemalte schwarze Hand das armselige Zimmer im Vorstadthotel. In dieser Landschaft von Steinen treten auch die Menschen überdeutlich hervor: das Antlitz des Mannes „unerbittlich altwerdend, leergefressen von einem Leben, das nutzlos wäre und gewesen wäre ohne die Liebe, die es mir einflößt“ und das der Frau, wie sie sich selbst im Spiegel sieht: „eine magere Frau, die sich der Bitternis des Lebens bewußt geworden ist. Die Wangenknochen sind ein wenig hoch, weil ich zu mager zu werden beginne. Die Blässe meines Gesichts wird gelblich.“ Weiter der pausbäckige Junge, der die Bruchrechnung lernt, die Vermieterin in einer Wolke von Puder und Schnaps, das Mädchen mit dem sanften Profil, der Priester mit den großen ruhigen Augen. Es sind Figuren, deren Schatten, bald dunkler, bald heller, auf die beiden Hauptfiguren fallen, den Mann und die Frau. In Leuchtschrift und Spruchband leuchten irritierend die Reklamen eines Drogistentreffens in diesen Alltag hinein. Tausend Farben: nah und nackt. Der Leser bleibt immer gebannt. Er fühlt sich wie durch einen Sog an eine Glasscheibe gepreßt, hinter der das harte und rasche Geschehen wie in einem Film pausenlos abläuft.

Mann und Frau sprechen von ihrem Leben: Erinnerungen, sinnliche Wahrnehmungen, Bruchstücke von Dialog klingen in ihren Erzählungen auf. Einige der kurzen Szenen sind meisterhaft; das Gespräch mit der Vermieterin; der Augenblick, da der Mann seine Frau, von der er Abschied genommen hat, noch einmal bemerkt und erschrickt. Diese Seiten haben poetische Kraft. Manchmal aber wird die Schilderung abgeschmackt: dann, wenn sich das Klischee des Reklamespruchs zu oft wiederholt, oder dort, wo die satirische Zeichnung billig wird.

Einmal fällt in dieser Erzählung der Name Gott. Auch Priester erscheinen; Kirchen und Gottesdienste sind Orte der Handlung. Aber sie bleiben Kulissen, sind eine Farbe unter anderen Farben; sie gehören zu Bölls Welt, sind ein Teil seiner Wirklichkeit. Auch auf sie fällt ein helles oder düsteres Licht. – Immer aber ist alles so bedrückend nah, ohne jenen „mittleren Abstand von den Dingen“, von dem Thomas Wolfe sagte, daß ein Schriftsteller ihn haben müsse. Wer zu nah ist, der kann die Dinge nicht mehr übersehen und wird im ganzen unglaubwürdig, ob wohl – oder gerade weil er im Detail so glaubwürdig ist. Und dies ist eine entscheidende Schwäche Bölls.

Es gibt eine Stelle in diesem Buch, die recht aufschlußreich ist. „Kultur“, lautet sie, „wenn du mir sagen kannst, was das ist – nein, ich interessiere mich nicht dafür.“ Das sagt der Mann in dieser Erzählung; aber vielleicht würde sogar der Autor diesen Satz unterschreiben.

Natürlich steht es einem Autor frei, seine Romanfiguren, den „Ballast der Bildung“ über Bord werfen zu lassen – sofern es wirklich Ballast ist. Aber Kultur schließt doch wohl auch Geist ein. Und den Geist kann man nicht ungestraft ausklammern. – Vielleicht ist diese Ausklammerung der Grund dafür, daß der Held der Erzählung mit seinem Leben nicht fertig wird; vielleicht aber hängt auch mit diesem Mangel zusammen, daß der Autor, Heinrich Böll, seiner Erzählung nicht jene Dimensionen hinzuzufügen vermochte, die allein diese im einzelnen so wertvollen Monologe und Impressionen zu einem großen Roman gemacht hätten. Böll könnte ihn schreiben. Gerhard Bahlsen