Köln, im Juni

Gottfried Benn scheint im Auslande angesehener zu sein als in Deutschland, wo er lebt. Zudem ist die Publizität von Lyrik so exklusiv geworden, daß auch Benns „Neue Gedichte 1953“ ihre bedeutende Aussage kaum weitertragen werden als in jenen Kreis, der den Abenteuern dieses Denkers bisher schon folgte. In solchem Falle ehrt das Theater sich selbst, wenn es seine noch immer große Reichweite wenigstens über Studioveranstaltungen in den Dienst von Diskursen stellt, wie sie Benn, ohne an die Bühne zu denken, in dem dialogischen Triptychon „Die Stimme hinter dem Vorhang geschrieben hat. In der verdienstreichen Experimentierstatt der Kölner Theater wurde dieser von Friedrich Siems mit fein abwägendem Wortverständnis inszenierte Bohrversuch eines souveränen Intellekts ein wichtiger Abend, und zwar in doppelter Hinsicht.

Benns „Beispiele“ aus der Wirklichkeit des Alltags, die Reflexionen seiner „Arien“-Sprecher und die Antworten des „Erzeugers“, der Stimme hinter dem Vorhang, geben in geschliffener Gedanklichkeit und mit umfassendem Problemverständnis eine metaphysische Bestandsaufnahme von beklemmender Wahrhaftigkeit. Gleichwohl ist das „Nichts“, das immer wieder hinter konkret gestellten Fragen nach dem Heiligen, nach der großen Verwobenheit und dem Beständigen auftaucht, kein Nihilismus aus Prinzip mehr, geschweige denn Koketterie mit der Verzweiflung. Benns Relativierung des Menschen als vermeintlicher Krone der Schöpfung kappt vor allem den Überbau einer unwahr gewordenen Ideologie. Wenn „ER“ oder „G...“ zwar scheu aus aus dem Spiel gelassen werden, die Sehnsucht, vielleicht gar eine wortlose Hoffnung, schwingt in der tragischen Schlußformel: „Im Dunkel leben, im Dunkel tun, was wir können.“ Es ist eine Haltung zum Leben, die mit dem Untergang rechnet. Aber für den ethischen Imperativ „Tun, was wir können“ muß schließlich eine Kraft oder Macht noch wirksam sein.

„Was ER dir auferlegt, das ist am Ende,

Das ist um dich ein gläsernes Gespinst

An demselben Kölner Studioabend wurde von Thornton Wilder der Einakter „Das lange Weihnachtsmahl“ für Deutschland erstaufgeführt. Es war eine bewußte Konfrontation. Wilder, der in „Wir sind noch einmal davongekommen“ eine prägnante Bestandsanalyse mit heterogenen Bühnenmitteln anschaulich machte, beherrscht in diesem sinnbildlichen Familienspiel, das „irgendwo westlich des Mississippi“ über siebzig Jahre währt, die Form nicht mit derselben Treffsicherheit. Er müht sich um lyrisch getönte Situationen an der weihnachtlichen Festtafel und einen dialogisch-szenischen Rhythmus von Wiederholungen, in den ersten Generationen stereotyp, dann aufgebrochen vom Aktionsfieber um 1930. Der amerikanische Dichter stimmt eine szenische Elegie über den Verlust des seelischen Fundus an, den er in den Pioniergenerationen verkörpert sah. Ist sie auch nicht sehr zwingend als Stück, so läßt die Stimme, die nach Selbstbewahrung auch drüben ruft, doch aufhorchen.

Der dramaturgische Kunstgriff des Kölner Studioabends, Wilder und Benn einander gegenüberzustellen, lehrte aber noch eins: Wieviel tiefer reichen die Schichten der europäischen, besonders der deutschen Wirklichkeit! Mag beim Suchen nach Wahrheit desto größer auch die Summe des Irrtums sein, Geist, der Sein gestalten will, ist gebunden auch an gelebte Erfahrung. So wurde die „deutsche Erstaufführung“ eines Amerikaners zur Apotheose für einen deutschen Dichter, und das Theater leistete seinen Dienst dem Geist. Johannes Jacobi