London, Anfang Juni

Erstaunlich, wo man überall Kronen anbringen und was man alles zu Kronen formen kann, wenn es darauf ankommt. Und es kam darauf an, denn vom königlichen Hoflieferanten bis zum Vorstadtfriseur war jeder Londoner entschlossen, zu Ehren der Königin etwas Außergewöhnliches zu tun. Fortnum and Mason in Piccadilly Street aber, so schien mir, hatten allen Bemühungen die Krone aufgesetzt – sie nämlich hatten es fertiggebracht, dieses königliche Wahrzeichen aus Hummern nachzubilden. Acht große, rote Hummern standen Kopf und falteten ihre delikaten Schwänze zu einer gewölbten Krone zusammen. Ja, es war sogar gelungen, zu alleroberst eine Art kleines Kreuz entstehen zu lassen.

Auf dem Berkeleys Square hingen in den Ästen der alten Bäume rosa Kronen aus künstlichen Blumen an langen Schnüren, so wie man im Vinter die Futterringe für Meisen aufhängt. Abends wurden sie mit Scheinwerfern von unten angestrahlt und nahmen sich höchst seltsam aus, wie sie da, recht ohne eigentlich ersichtlichen Zusammenhang mit dem frischen Grün der Lindenblätter, im Winde schaukelten. Die Schaulustigen kamen voll auf ihre Kosten: überall Girlanden, Kronen und Fahnen. Nach meinem privaten Gallup erfreute sich mindestens unter den Taxifahrern – und sie haben schließlich den besten Überblick – die Dekorationen des Kaufhauses Selfridges der größten Beliebtheit. Dort ritt zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk, außen an der Fassade, Königin Elizabeth II. in Uniform und Lebensgröße auf einem blonden Streitroß.

Schon am Tag zuvor war die Mall, die große breite Straße, die vom Buckingham Palace nach Westminster führt, in eine Art endloses Flüchtlingslager verwandelt. Mit Decken, Regenmänteln und Rucksäcken bewaffnet, saßen, lagen und hockten dort Provinzler, abenteuerlich für dieses mehrtägige Biwak auf dem Asphalt ausstaffiert, neben Studenten, die mit ihren Mädchen gekommen waren, Müttern aus dem Eastend und Frauen, die tagsüber ihre Männer dort ablösten, wo jene bereits eine Nacht zugebracht hatten, und wo sie auch die kommende zubringen würden – von rauschenden Regenschauern und kalten Windstößen durchfroren. Einstweilen aber spielte man Karten, las, strickte, kochte ab auf kleinen Primuskochern. Jeder sprach mit jedem. Die sonst so schweigsamen Taxichauffeure tauschten, nebeneinander haltend, die letzten Neuigkeiten aus, sammelten und kolportierten die kuriosen Schicksale der von weither Herbeigeeilten: Drei Mädchen, die extra für die Krönung aus Jamaika gekommen waren und nun in einem Zelt im Hyde Park kampierten, Neuseeländer, die auf der Themse biwakierten, Schotten, die acht Tage geradelt waren.