Notwendigkeit und Grenzen der Schuleinheit

Von Hans Heckel

Kein Thema bewegt die Gemüter der Eltern heute so sehr wie das der Schulerziehung, deren eigentlicher Sinn allmählich der Experimentierfreudigkeit mancher Pädagogen oder den besonderen Bestrebungen und Tendenzen politischer Instanzen zu erliegen droht. Aus der Fülle der in diesem Thema enthaltenen Problematikgreifen wir hier zwei Fragen heraus, die allgemeinals am dringlichsten einer baldigen Lösung bedürftig empfunden werden.

Es sieht so aus, als ob der vielberufene und langgeforderte Ausschuß für das deutsche Bildungswesen (Bundeserziehungsbeirat) nunmehr Wirklichkeit werden sollte. In Bonn oder an anderer Stelle wird also demnächst ein Kreis von etwa 20 unabhängigen, mit Bildungsfragen vertrauten Persönlichkeiten zusammentreten, die das Ehrenamt übernehmen sollen, Hüter der Einheit des deutschen Geisteslebens zu werden.

Eine der dringlichsten Angelegenheiten, mit denen sich jede für unser geistiges Leben verantwortliche Stelle, und somit vor allem der neue Ausschuß, befassen muß, ist das Problem des heutigen Standes des deutschen Schulwesens. Es wird dabei zunächst weniger um seine Qualität gehen als um seine Vielfalt oder Einheit. Die deutsche Presse hat den Verfechtern der Einheit der deutschen Schule, insbesondere den Eltern der durch die heutige Schulsituation betroffenen Kinder, wiederholt das Wort erteilt, und so haben sich über das „Chaos im ’deutschen Schulwesen“ in der Öffentlichkeit bestimmte Vorstellungen und Meinungen herausgebildet. Demgegenüber haben die Verfechter einer Vielfalt des Schulwesens, die Verteidiger der Kulturautonomie der Länder, den Weg in die Öffentlichkeit nicht recht gefunden; die vor einem Jahr veröffentlichte Denkschrift der Kultusminister ist ziemlich unbeachtet geblieben.

Es ist Tatsache, daß im deutschen Schulwesen zahlreiche Verschiedenheiten bestehen, vielfach in einem Umfang, der der Öffentlichkeit gar nicht bewußt ist. Schon die Bildungs- und Erziehungsziele gehen auseinander. Größere und geringere Verschiedenheiten in Lehrplänen, Stoffauswahl und Schulorganisation, insbesondere was den Fremdsprachenunterricht angeht, kommen hinzu. Daß die Gestaltung der Zeugnisse und Berechtigungsnachweise, die Bezeichnung der Schulen und Klassen, die Durchführung und Bewertung der Aufnahmeprüfungen für weiterführende Schulen und der Reifeprüfungen voneinander abweichen, führt immer wieder zu Schwierigkeiten und Mißverständnissen und verwirrt das Bild vollends. Die Eltern verstehen es auch nicht, daß in einem Land Schulgeldfreiheit herrscht, in einem anderen nicht. Weniger bewußt ist ihnen der Umstand, daß die Stellung des Lehrers in Ausbildung und Besoldung allmählich von Land zu Land auseinanderzubrechen droht. Die Verschiedenheiten im Schulrecht, in der Schulverwaltung und in der Schulfinanzierung sind in der Regel unbekannt, weil sie die Öffentlichkeit unmittelbar nicht berühren.

Diese Abweichungen und Verschiedenheiten haben meist historische Wurzeln. Vielfach sind sie jedoch erst nach 1945 entstanden, bedingt teils durch die Anordnungen der Besatzungsmächte,teils durch die anfänglich mangelnde Möglichkeit oder Bereitschaft, sich über die mehr oder weniger zufälligen Landesgrenzen hinweg zu verständigen. Von niemandem wird bestritten, daß die Verschiedenheiten in dem Umfang, in dem sie heute noch bestehen, nicht nötig wären. Die Arbeit der Ständigen Konferenz der Kultusminister erweist, daß man sich auch dort der Lage durchaus bewußt ist, und es sind durch gegenseitige Vereinbarungen und Anpassungen in den letzten Jahren manche Abhilfen erzielt worden. Wo aber die Schwierigkeiten manchmal ihren Ursprung haben, erweist das Beispiel des Schuljahresanfanges. Die Kultusminister hatten sich auf den Ostertermin geeinigt; in aller. Ländern, in denen der Herbsttermin gegolter. hatte, wurde die Umstellung durchgeführt. In Bayern scheiterte die vom Kultusministerium vorbereitete Anpassung am Widerstand des Landtages. So ist bei allem guten Willen und vieler Einsicht doch festzustellen, daß die Einigung selbst auf gewisse Mindestgrundsätze manchmal nicht recht vom Fleck kommt, zumal da die Kontroverse stark im Prinzipiellen festgefahren ist. Der Ruf nach Vereinheitlichung, die Forderung, dem Bund das Recht zur grundsätzlichen Gesetzgebung in Schulangelegenheiten zu gewähren oder gar ein Bundeskultusministerium zu schaffen, hat in den Ländern eine Versteifung, eine Betonung der Kulturautonomie um jeden Preis zur Folge gehabt.