Von Wolfgang Jessen

Monsarrats Buch, das im letzten Herbst in deutscher Übersetzung erschien, nachdem es in Großbritannien und den USA schon die 500 Tausendergrenze überschritten hatte (Claassen-Verlag, Hamburg, 468 Seiten, Ganzleinen 16,80 DM), löste hier ein heftiges Für und Wider aus. Wir wollen mit dem folgenden Beitrag versuchen, ein paar schwerwiegende Mißverständnisse zu klären, die bei der Diskussion und der Kritik des Buches immer wieder auftraten.

Monsarrats „Großer Atlantik“ ist ein ungewöhnliches Buch. Von einer Schlacht wird darin erzählt, die fünf Jahre und acht Monate dauerte, von der wir alle wußten und doch nichts wußten. Von einem Ozean ist darin die Rede, unermeßlich groß und grausam wie der Krieg auf ihm, den wir so noch nicht kannten.

Es geht um die Schlacht im Atlantik, das verzweifelte Ringen um Englands Versorgung im zweiten Weltkrieg. Es geht um Geleitzüge, die von der gierigen See und verbissenen U-Boot-Rudeln wütend angefallen werden, um Durchkommen oder Untergang, bittere Siege und entsetzlichen Tod.

Die Geschichte wird aus dem Kriegsalltag zweier kleiner britischer Geleitfahrzeuge, der Korvette „Compass Rose“ und der Fregatte „Saltash“, entwickelt. Das erste Schiff steht für die Zeit der englischen Ohnmacht, das zweite für die der deutschen Unterlegenheit. Der Verfasser war selbst dabei. Er hat als 1. W O Geleit während des ganzen Krieges gefahren, ist Kapitänleutnant geworden und hat zu seinem Verwundern überlebt, alles genau so wie im Buch der Held Lockhart.

Das Buch packt und schüttelt denLeser wie der Atlantik die „Compass Rose“. Es ist eine schlechte Lektüre für „Es-war-allesgar-nicht-so-schlimm- Träumer“. Da wird „Compass Rose“ auf Marschfahrt in isländischen Gewässern torpediert. Das schauerliche Gebrüll der im Vorschiff hoffnungslos Eingeschlossenen dringt durch ein Sprachrohr auf die Brücke. Der Kommandant schließt den Rohrdeckel. Er kann nicht mehr helfen. Später erstarren die Männer, die im eisigen Wasser treiben, zu Tode. Um die beiden Floße herum tanzen die Toten, von ihren Schwimmwesten getragen in der Dünung. Die roten Seenotlämpchen um ihren Hals brennen immer noch. Die Überlebenden würgen an dem verschluckten Öl, das sie vergiftet. Oder: ein Tanker wird, bereits im Angesicht der schottischen Küste, aus dem Geleit geschossen. Während die Stichflammen hochknallen, jagt die Besatzung zum Bug. Als die Leute endlich abspringen, müssen sie mit dem auf dem Wasser brennenden, sich schnell ausbreitenden Öl um die Wette schwimmen. Ein paar sind der zu Hilfe geeilten Korvette zum Greifen nahe, da muß sie zurücklaufen. Das Öl war schneller.

Die amerikanische „Time“ sagt von diesem Buch, es sei „überhaupt kein Roman, doch es enthält die meisten jener Klischees, die wir bei Kriegsromanen gewöhnt sind: die schäbigen Liebschaften als große Passion, den brutalen Offizier, den überlegenen Kommandanten, die aus gutem Holz geschnitzten Mariner. Die Charaktere sind nicht mehr als verschwommene Typen, denn das Hauptinteresse des Autors besteht nicht darin, die Welt in einem Kriege zu gestalten, sondern uns ein Gefühl von der Sechs-Jahre-Schlacht gegen die U-Boote im Atlantik zu geben“.