Am 13. und 14. Juni führt der Zentralverband der Haus- und Grundbesitzer in Stuttgart seine diesjährige Arbeitstagung durch. Im Mittelpunkt dieser Tagung wird die Erörterung der Reform der Hauptmieten stehen, die sich in den vergangenen Monaten zu einem Kardinalproblem der Wohnungswirtschaft entwickelt hat.

Nicht nur in der Bundesrepublik, sondern in ganz Europa ist man mit der Zwangsbewirtschaftung des Wohnungswesens in eine ausweglose Lage geraten. Überall sind die gleichen Methoden angewandt worden und überall haben sie auch zu dem gleichen Ergebnis geführt. Dieses klassische Beispiel der Politisierung, d. h. sachwidrigen Behandlung eines zentralen Wirtschaftsgebietes, verdient auch von der übrigen Wirtschaft sorgfältig studiert zu werden. Erfreulicherweise ist auch die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Umkehr in immer weiteren Kreisen erkannt worden. Auf den jüngsten Tagungen der Industrie, der Banken und des Realkredits nahm diese Frage einen breiten Raum ein. Insbesondere ist begriffen, daß der Kapitalmarkt nicht in Ordnung gebracht werden kann, ohne daß die Wohnungswirtschaft ihrer natürlichen Gesetzmäßigkeit zurückgegeben wird. Auch die immer dringender werdende Steuerreform hat die Wiederherstellung der Wirtschaftlichkeit im Wohnungswesen zur Voraussetzung.

Fatalismus wegen der Möglichkeit einer Wiedereingliederung des Wohnwesens in den Gesamtorganismus der Volkswirtschaft wäre jedoch ganz unangebracht. Wenn der Gesetzgeber die nötige Entschlußkraft aufbringt, ist dieses Rettungswerk durchaus realisierbar. Im Mittelpunkt muß die Rückkehr zur Preiswahrheit stehen. Nur was wahr ist, ist auch moralisch unanfechtbar und sozial fruchtbar.

Verfälscht sind die Preise zunächst bei den Mieten. Die neuesten Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamtes geben für eine Mietreform überaus wertvolle Grundlagen. Das Problem ist danach, entgegen der landläufigen Meinung, ziemlich eng begrenzt, nämlich auf die Hauptmieten. Rund 40 v. H. der Bevölkerung wohnen im eigenen Haus. Außerdem werden die Untermieter nicht betroffen. Sie stellen nur ein gutes Drittel aller Wohnungsinhaber dar. Sie zahlen eine Durchschnittsmiete von 36,70 DM monatlich. Die von den Hauptmietern aufgebrachte Miete betrug für 1950 rund 2,5 Mrd. DM. Hiervon kamen 804 Mill. DM oder 32 v. H. der Hauptmiete aus Untervermietungen wieder ein, so daß der Hauptmieter für seine Wohnung durchschnittlich nur 25 DM monatlich zu entrichten hatte. Er ist aber nicht nur durch die stellenweise mögliche „Abwälzung“ eines Teiles seines Mietaufwandes auf den Untermieter begünstigt (die in manchen Fällen so weit geht, daß er fast frei wohnt), sondern auch sonst vielfach besser gestellt als die Untermieter, die zu den sozial schwächsten Schichten des Volkes gehören. Der Hauptmieter hat oft nicht nur die billigere Altwohnung, sondern auch seinen Hausrat behalten.

Es ist an sich schon höchst fragwürdig, die Wiederherstellung der Wirtschaftlichkeit im Wohnungswesen mit der Lohnfrage zu koppeln. Dergleichen geschieht auf keinem anderen Wirtschaftsgebiet. Es ist nicht einzusehen, weshalb bei der Wohnung mit anderem Maß gemessen werden soll. Kostendeckung ist auch für die Wohnungswirtschaft eine absolute Forderung. Man muß es als ausgesprochene Mißwirtschaft bezeichnen, wenn die Lebenshaltung teilweise aus der Substanz der Wohnungswirtschaft bestritten wird. Nach dem Gesagten trifft es keineswegs zu, daß die Hauptmieter, um die es geht, ohne vorherige Lohnerhöhung keine angemessenen Mieten zahlen könnten. Dies wird auch dadurch widerlegt, daß die Untermieten längst der allgemeinen Preisentwicklung angepaßt wurden, obwohl, wie gesagt, die Untermieter an sich schlechter daran sind. Bei den Untermieten ist eine Mieterhöhung von 70 v. H. für den Leerraum bereits eingetreten und sanktioniert worden. Dies hat sich in völliger Stille vollzogen, während die nur 10prozentige Anhebung der Hauptmieten für die Altwohnungen durch eine bedenkenlose Agitation so hingestellt wurde, als ob davon eine Katastrophe zu erwarten sei.

Es wäre unverantwortlich, die gesamte Wohnungswirtschaft im Zustande der Unrentabilität und damit des Verfalls zu lassen, nur um einen verhältnismäßig kleinen Teil der Mieterschaft weiterhin zu privilegieren, der mit fremdem Eigentum Geschäfte macht. Man sollte nicht allgemein von Mieterhöhung sprechen, sondern von Erhöhung der Hauptmieten, nicht von Mieterschutz, sondern von Hauptmieterschutz. Mit einer Reform der Hauptmieten würde die notwendige Revision der Mieten für die Wohnungen des sozialen Wohnungsbaues erleichtert werden, die jetzt immer dem Einwand begegnet, der Abstand zwischen diesen Mieten und den Altmieten dürfe nicht noch vergrößert werden. Ohne Preiswahrheit wird der Markt verfälscht –, ja, ein Markt kann dann gar nicht entstehen. Das hat sich bei der Freigabe der Gewerberäume gezeigt, die mit dem Argument bekämpft wurde, daß Angebot und Nachfrage erst im Gleichgewicht sein müßten. Dies war bereits der Fall, wie sich jetzt zeigte. Nur hatte die Zwangswirtschaft die wahre Sachlage verschleiert.

Was den Grundstücksverkehr anbetrifft, so sind für ihn die wirtschaftlich richtigen Preise zu erstreben, nicht „billige“ Preise, es sei denn, daß man es für richtig hält, aus öffentlichen Mitteln zu verbilligen, z. B. für den sozialen Wohnungsbau. Es ist wirtschaftlich, rechtlich und moralisch gleich verwerflich, dem einzelnen Grundeigentümer, ja, dem schon schwer betroffenen Ruineneigentümer, eine solche Verbilligung zuzumuten. Nur bei Preiswahrheit kann auch der Realkredit auf eine solide Grundlage gestellt werden.

Nachdem die bebauten Grundstücke und die Ruinengrundstücke freigegeben worden sind, ohne daß die davon vielfach befürchtete allgemeine Preissteigerung eingetreten wäre (die Maklerberichte geben darüber Auskunft), sollte auch bei den unbebauten Grundstücken nicht länger gezögert werden, zumal der Anteil der Bodenkosten an den Baukosten erheblich überschätzt wird. Er beläuft sich durchschnittlich auf nur rund 10 v. H., die Verzinsung des Bodens beansprucht durchschnittlich etwa 9 v. H. der Miete. Alfred Schmidt-Hoepke