H., Paris, im Juni

Die Piasterabwertung hat in der indochinesischen Wirtschaft zahlreiche Handicaps ausgelöst; es wird lange dauern, bis die bereits durch den Krieg in ihrer Entwicklung stark gehemmte und bisher stark auf den Export ausgerichtete Wirtschaft dieses Landes wieder ihr Gleichgewicht finden wird. Zahlreiche Unternehmen schlossen nach der Piasterabwertung ihre Tore. Manche unter ihnen dienten offensichtlich ausschließlich dazu, einen Devisentransfer zwischen Saigon und Paris zu ermöglichen.

Wie ging dieser Devisentransfer, der manchen „Beteiligten“ Hunderte Millionen Francs Profit brachte, vor sich? Im Dezember 1945 war der Wert des Indochina-Piasters mit 17 ffrs festgesetzt worden, während sein tatsächlicher Wert auf den internationalen Märkten bald auf 8,50 ffrs abgesunken war. Die einen kauften nun US-$ auf dem Schwarzmarkt in Paris, brachten diese Dollars nach Indochina und verkauften sie gegen Piaster in Saigon Ein US-$ kostete „schwarz“ in Paris 400 ffrs, in Saigon verkaufte man ihn aber für 50 Piaster, das waren 850 ffrs. Und dann ließ man die Piaster offiziell nach Frankreich transferieren, wo je Piaster 17 ffrs ausbezahlt wurden. Andere wieder kauften auf den ausländischen Märkten Piaster zu 8,50 ffrs, schmuggelten sie nach Indochina und ließen sie nach Paris überweisen.

Gewiß, der Transfer Paris–Saigon war nicht immer einfach, man brauchte für größere Beträge die Bewilligung des Devisenamtes in Saigon –, aber mit diesen Transferbewilligungen wurde doch ein sehr reger Handel betrieben. Nicht alle Funktionäre in Saigon verzichteten auf so einträgliche Nebengeschäfte. Im übrigen konnte man mittels verschiedener Banken an verschiedene Privatpersonen bis zu 50 000 ffrs monatlich transferieren. Wer mit einem halben Dutzend Banken „zusammenarbeitete“ und 20 bis 30 „Verwandte“ in Paris regelmäßig „unterstützte“, kam also auch auf diesem Wege zu recht ansehnlichem Profit. Große Möglichkeiten hatten natürlich die Kaufleute, die Waren in Frankreich einkauften, sich die Fakturen auf weit größere Beträge ausstellen ließen und Transferbewilligungen erhielten, die sie entweder selbst ausnutzten oder gegen gute Bezahlung weiter verkauften. Es gibt Geschäftshäuser in Saigon, die durch diesen Transfer wesentlich mehr verdienten als durch ihren Import-Exporthandel.

Große Geschäfte wurden über Hongkong realisiert. Man kaufte in Paris US-$, verkaufte sie mit gutem Gewinn in Hongkong, kaufte mit dem Hongkong-Dollar Indochinapiaster, schmuggelte sie nach Saigon und ließ sie dann nach Paris transferieren. Diese Operation brachte bis zu 200 v. H. Gewinn.

Aber die ganz großen Devisenschieber gaben sich mit diesen „kleinen“ Geschäften nicht ab. Diese „Großen“ besitzen ja ihre Bankkonten in Genf, und in Tanger, in New York, Hongkong und Saigon. Die über den Banktransfer via Genf in Saigon verfügbaren und auf Hongkong oder New York lautenden Dollartransfers wurden von den kommunistischen Viets sehr gesucht und gut bezahlt, weil sie es ihnen ermöglichten, in Hongkong und Bangkok Waffen und Medikamente zu kaufen. Natürlich setzte diese Operation voraus, daß ein Piastertransfer nach Paris mit entsprechend großen Beträgen möglich war. Zu diesem Zwecke wurde zumeist eine Import-Exportgesellschaft gegründet oder ein derartiges Unternehmen zur „Deckung“ etwa 14 Tage, und ein Betrag von 100 000 $ brachte mindestens 40 Mill. Gewinn. Es wurden auf diesem Weg jeden Tag mindestens 150 bis 200 Mill. ffrs aus Indochina nach Frankreich überwiesen, und das Schatzamt in Paris zahlte dabei etwa 100 Mill. je Tag zu.

Diese Devisenschiebereien waren natürlich für Frankreich überaus schädlich, nicht nur weil sie Devisen aus dem Mutterland abzogen, sondern weil auf diese Art auch die Widerstandskraft der kommunistischen Viets erheblich verstärkt wurde. Die Abwertung des Piasters, in der Öffentlichkeit seit langem gefordert, wurde von René Mayer durchgeführt. Man applaudierte zwar auch im Parlament über diese „mutige“ Tat, zu der sich zahlreiche Ministerpräsidenten bisher nicht, entschlossen hatten, aber wenige Tage darauf wurde René Mayer das Mißtrauen ausgesprochen. War er über den Indochina-Piaster gestolpert?