Brod, Felix Welsch, alle meine Freunde bemächtigen sich immer irgendeiner Sache, die ich geschrieben habe, und überraschen mich dann mit dem fertigen Verlagsvertrag. Ich will ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten, und so kommt es zum, Schluß zur Herausgabe von Dingen, die eigentlich nur ganz private Aufzeichnungen oder Spielereien sind. Persönliche Belege meiner menschlichen Schwäche werden gedruckt und sogar verkauft, weil meine Freunde, mit Max Brod an der Spitze, es sich in den Kopf gesetzt haben, daraus Literatur zu machen " (Franz Kafka im Gespräch zu Gustav Janouch) Bisweilen muß man einer mäßigen Aufführung dankbarer sein als einer guten — denn die weniger gute brachte ans Licht, was die: glanzvolle überspielte: die Schwäche des aufgeführten Stückes. Deshalb hat die zu breit und mit spürbarer geistiger Unsicherheit inszenierte Aufführung von Max Brods dramatisiertem Kafka Roman "Das Schloß" durch das Deutsche Schauspielhaus. Hamburg größere Verdienste als, die großartige Berliner Premiere! wenige Wochen zuvor. In Berlin war das Publikum begeistert — in Hamburg nicht. Hier erkannte es: Franz Kafkas "Schloß", ist nicht zu dramatisieren; es kommt im besten Falle ein schlechtes Hörspiel heraus, was sich schon im Äußeren darin dokumentiert, daß die innere Stimme des Josef K durch Tonbänder zu Gehör gebracht wird .

Dieser einsame Mensch Josef K, der seine Einsamkeit, sein Ausgestoßensein aus dem Heil nicht mehr ertragt, der endlich ein physisches und metaphysisches Zuhause haben will, der bereit ist, alles für eine Verbindung, für eine offene Vorder- oder Hintertür zum "Schloß" zu geben: Arbeit, Liebe, ja sogar Moral — dieser K ist kein dramatischer Held im Sinne des Theaters. Zum dramatischen Helden der Bühne gehört ein Gegner, der auf den Helden zukömmt, den er besiegt oder von dem er sich besiegen lassen muß. Josef Ks Gegner ist das "Schloß". Aber das Schloß kommt nicht auf ihn zu (wie der Prozeß in Kafkas anderem großen Werk auf K; zukommt) — das Schloß entzieht sich ihm. Was bleibt da dem Theater? Es bleiben ihn einige packende Szenen, die Brod fast wörtlich aus Kafkas Roman entnommen hat: die Szene zum Beispiel, in der K den Gemeindevorsteher aufsucht, um sich von ihm eine Arbeit als Landvermesser zuweisen zu lassen. Der Landvermesser liegt gichtkrank im Bett; während er in nicht endendem Redeschwall K die Nutzlosigkeit seiner Bitte vorträgt, führen seine Frau und die "Gehilfen" einen gespenstischen Wirbel mit den Akten durch: da fliegt totes Papier durch die Luft, das Leben vernichtet — In dieser Szene wars auch, da das bis dahin planlos zwischen Allegorie und Satire hin und her pendelnde Spiel der Darsteller eine glasklar pointierte, fast metaphysische Glosse auf menschliche Dummheit, Hilflosigkeit und Arroganz zustande brachte. Und darum seien auch die Träger dieser Szene genannt: Benno Sterzenbach als Gemeindevorsteher und Ellen Waldeck als seine Frau Mizzi.

Freilich agierten die Schauspieler schon bald darauf wieder mit derselben Unentschlossenheit wie vorher. Freilich versuchte die Regie schon gleich in der nächsten Szene wieder mit matt erleuchtetem Nebel, trüben Laternen und Sturmheulen metaphysische Atmosphäre zu erzeugen — wievohl man doch für gewöhnlich nur bei ganz einfachen Menschen die Vorstellung antrifft, das Metaphysische oder auch die Situation des "Nichtigen" müsse sich durch allerlei Spukhaftes, äußerlich Unheimliches wie wallende Nebel ankündigen. Kafkas Ansicht war dies bestimmt nicht — aber wo das Wort seine Kraft verlor, da verlor das Publikum sein. Interesse. Und das Wort wurde überall da ohnmächtig, wo Brod es seinem Freunde Kafka entzog und selbst dichtete: in der beinahe süßlich kitschigen Liebesszene zwischen K und Frida, nachts auf der Bank zum Beispiel (obwohl es doch Kafka nicht um sentimentale Liebe ging).

Die Unmöglichkeit, aus diesem Roman ein Drama zu machen, die sanfte, bisweilen klischeehafte Bearbeitung Bröds und die vor dieser doppelten Unzulänglichkeit mit Recht hilflose Regie Albert Lipperts brachte so klar zutage, was in Berlin zu verdecken möglich war: Das dramatisierte "Schloß" ist kein Drama, sondern eine expressionistische Aneinanderreihung von Szenen, die im einzelnen eindrucksvoll sein mögen, insgesamt aber merkwürdig tot, merkwürdig literarisch, merkwürdig verstaubt wirken.

Max Brods Verdienste um seinen Freund Franz Kafka sind groß. Man weiß, wie er nur mit einem kleinen Köfferchen, das nichts Eigenes, sondern nur den Nachlaß Kafkas enthielt, buchstäblich den letzten Zug erreichte, der Prag im Frühjahr 1939 vor den anrückenden deutschen Truppen verließ. Wie er diese Papiere hütete, wie er unermüdlich den Ruhm seines geliebten Freundes mehrte, wie er uns allen das Bild des Menschen Franz Kafka näher, brachte. Zu den Briefen Franz Kafkas an die tschechische Schriftstellerin und Journalistin Milena Jesenska, die Willy Haas herausgab, hat Brod jetzt im Juniheft der Zeitschrift "Merkur" drei Briefe Milenas an ihn selbst veröffentlicht, in denen die Persönlichkeit Franz Kafkas im temperamentvollen Stil der tschechischen Schriftstellerin noch deutlicher profiliert wird. Wie schmerzlich klar wird da die beängstigende Einfachheit und Bescheidenheit Kafkas! Wie geradezu unheimlich in einer Welt, deren alltäglicher Ablauf von Konzessionen, Verbindlichkeiten, Notlügen abhängt, seine Wahrheitsliebe, die eigentlich gar keine Wahrheitsliebe war, sondern die Unmöglichkeit, lügen zu können. Milena berichtet, daß sie Kafka einmal sehr nötig brauchte und ihn bat, von Prag nach Wien zu kommen: "Er war mir damals sehr notwendig. Er hat Nächte lang nicht geschlafen, sich gequält ist aber nicht gekommen. Warum? Er hat doch dem Direktor nicht sagen können, daß er zu mir fährt. Und etwas anderes sagen — wieder ein entsetzter Brief — wie denn? Lügen? Dem Direktor eine Lüge sagen? Unmöglich. Wenn Sie ihn fragen, warum er seine erste Braut geliebt hat, antwortete er: Sie war so geschäftstüchtig— und sein Gesicht beginnt vor Ehrerbietung zu strahlen " Von hier aus kann man ermessen, was einem solchen Mann passiert, wenn er unter die Literaten fällt. Es ist, als seien es Räuber. Wohlmeinende Räuber gewiß, freundschaftliche, bewundernde — aber Räuber. Räuber, die selber nicht ohne Tragik sind, weil sie aus Helfenwollen leicht zerstören; Räuber, die unsere Bewunderung verdienen, weil