Von Norbert Jacques

Julius Streicher, der „Frankenführer“, hat vor dem Krieg das Haus in Nonnenhorn am Bodensee erbauen lassen, von dem die Rede sein wird: ein elegant hingelagertes Landhaus, eines der schönsten der Gegend, am höchsten Punkt eines weiträumig ansteigenden Rasenplanes. Streicher hat es nie bewohnt. Eine Zeitlang hatte er ein Liebchen in ihm etabliert, eine kleine Schauspielerin. Später übernahm es ein durch Kinos reich gewordener Mann. Seit ein paar Tagen aber ist am Zugang ein Schild: „Sanatorium für plastische Chirurgie.“

... In den 1920er Jahren wurde manchmal von operativen Eingriffen berichtet, die in einer Spezialklinik in Karlsruhe Dr. Fritz Spanier vornahm: Menschen, die mit Gurkennasen in die Klinik eingetreten, verließen sie mit attischem Profil, Damen, als seien sie durch einen Jungbrunnen gegangen. Hätte es sich im Mittelalter ereignet, wäre der Chirurg-Künstler als Zauberer auf den Scheiterhaufen gekommen, weil er dem Schöpfer ins Werk griff und den Menschen, den Gott geschaffen, eigenmächtig änderte. Diesmal – 1933 – kam er mit der Auswanderung davon. Dr. Spanier wurde in USA eine der Leuchten des Faches, machte sensationelle Kunststücke und bedeckte seinen Namen mit Ruhm. Und an dem Schild an der Villa in Nonnenhorn steht unter „Sanatorium für plastische Chirurgie“ heute sein Name: Dr. Fritz Spanier, denn er ist nach Deutschland zurückgekehrt und hat am Bodensee dieses Sanatorium, diese Klinik für kosmetische und plastische Chirurgie gegründet.

Es gibt eine Reihe von Zimmern, die nach neuer architektonischer Art kunstvoll und mit praktischem Luxus hergerichtet sind; zum Teil nach american fashion, und jedes Fenster gibt den Blick über den fallenden Rasenplan zum Ufer hinab über den Bodensee frei. Jenseits der Wasserfläche erhebt sich über dem Schweizer Vorland der Säntis.

Ich fragte den Arzt: „Was war Ihre für Sie interessanteste Operation?“ – In einer Eisenbahnkatastrophe hatte ein amerikanischer Negersoldat ein Ohr verloren. Dr. Spanier ließ ihm langsam und mit Geduld ein neues Ohr wachsen. Ich versuche nachzuerzählen, wie ich es gehört und an photographischen Aufnahmen verfolgen konnte:

Von dem rechten Ohr war lediglich ein Bruchstück des oberen Muschelrandes erhalten. Die Fleischwunde hatte in der Heilung den Eintritt zum Gehörgang bis hoch an den Ohrrand völlig überwuchert. Mit feinen Sonden konnte nach vieler Mühe der Arzt ihm nachspüren; er zeigte sich erhalten und wurde in einem ersten operativen Eingriff wieder freigelegt. Unterhalb der Stelle des verlorenen und neu zu bildenden Ohres wurde durch zwei senkrechte Parallelschnitte ein Lappen Haut mit Gewebe in der Länge und Dicke eines Kinderfingers losgelöst, doch am unteren und oberen Ende mit Fleisch und Blutbahn verbunden gehalten, so daß es wie eine aus der Halshaut herausgeschnittene Schlaufe aussah. Nach einiger Zeit wurde dieser Haut- und Fleischstriemen (fachlich: gestielter Röhrenlappen) am unteren Ende gelöst, hochgezogen, unter dem erhaltenen Fragment des Ohrs an dieses und an die Schädelhaut angenäht und zur Bildung der Ohrmuschel benutzt. Auch das obere Ende des Röhreniappens, das nun nach unten gekommen, wurde nun losgeschnitten und ergab von selber die Masse zum Ohrläppchen. Soweit konnte Dr. Spanier mit bekanntem Verfahren arbeiten. Für die Vollendung aber ging er neu:, eigene Wege: Von dem gesunden Ohr wurde Haut und Knorpel genommen, als Stütze für das zu bildende Ohr verwandt, in einer kombinierten Verpflanzung mit dem Röhrenlappen verbunden ... und das Ohr war wieder da. Da der Rand des neuen Ohrs aber weich war, wurde er aufgeschlitzt und Knorpel hineingenäht, der ihm das feste Randgefüge gab. – Die Bildung eines ganzen Menschen bewältigt die Natur in neun Monaten. Der Bau dieses einen Ohrs hat ein Jahr gebraucht.

Der Arzt blättert im Album die Fotos durch, in denen er besondere Fälle in den einzelnen Stadien gesammelt hat. Er scheint immer – leicht erregt – von seinem Stoff gepackt und geht etwas ruhelos am Tisch hinüber und herüber. Er ist ein kleiner Mann mit zarten Gliedern. Im Bild des Kopfes liegt etwas miniaturhaft Römisches. Die Augen sind hastig, von nervöser Intelligenz und schillern in der Unterhaltung, während der er empfindsam auf die Umgebung reagiert. Er erzählt...