Von Berthold Viertel

Berthold Viertel, jetzt wieder Regisseur am Burgtheater in Wien, erzählt von seiner ersten Begegnung mit der letzten großen Figur der Epoche des „Wiener Cafés“.

Eines Tages, als wir von der Schule nach Hause gingen, sagte mein Schulkollege B. in aller Ruhe zu mir: „Ich habe einen Brief von P. A. bekommen.“ „Wie? Einen Brief? Du? Von P. A. –“ „Er hat mir einen Brief geschrieben.“ – „Dir?“ – Mein Kollege B. antwortete mit größ-– Ruhe. Er duckte den Nacken ein wenig und ließ meine Erregung über sich wegrennen.

Es handelte sich um einen Akt des knabenhaften Heroismus. B., ein schwerfälliger und verschlossener Jüngling und selbst ein Dichter mit zierlicher Handschrift, hatte sich heimlich an Herrn Peter Altenberg, „Café Central“, gewandt mit der Bitte, mich zu empfangen, weil ich erstens meines Verständnisses für die Welt P. A.s halber es verdiente, und weil zweitens P. A. sich revanchieren sollte durch einen Blick in meine Welt, in meine Manuskripte sogar. Es ist viel gefordert, – schrieb B. an P. A., aber Sie sind es, der viel erfüllt. – Und P. A. antwortete sofort, daß er zwar niemals Briefe beantworte, daß er diesen Brief aber sofort beantworte, weil er um eines anderen willen geschrieben sei. Der andere möge gegen sechs Uhr abends ins „Café Central“ kommen, Arkadenhof, und sich an den Kellner Jean wenden. Da wir damals ohnehin im Sinne P. A.s lebten, war alles selbstverständlich: der Edelmut B.s, welcher P. A. natürlich mitten ins Herz treffen mußte, und wie uns dieses Herz zurücktraf. Aber immerhin war es ein gewaltiger Schlag. Es folgte noch ein kurzer olympischer Waffengang der Großmut zwischen zwei Freunden. Ich bestand darauf, daß B. mitgehen müsse. B. bestand darauf, zu Hause zu bleiben. Und er blieb zu Hause. Wir taten damals alles ganz.

Punkt sechs Uhr abends betrat ich das „Café Central“, das, ein Haus des Lebens, in warmem Lichte und in gutem Dunste lag und viele bemerkenswerte raucherfüllte Räume hatte: den großen Saal, in dessen Hintergrund die Billardkugeln sauber klapperten, wenn sie aufeinanderstießen; und die ruhigeren Seitentäler, will sagen Seitenzimmer, und das besonders rauchige, durch seine dunklen Gruppen von Kampfgenießern und Spielprüfern beängstigende Schachzimmer, und die grün abgedämpften Kartenspielzimmer, und den Arkardenhof, einen offenen, hohen Hof, zwischen Häusern mit dem monumentalen Brunnen und der Marmortreppe mit vielen Bogen und Nischen. Dieser Hof, dieser Wiener Schacht, war der Ort des raffiniertesten Geisteslebens, das zwischen vollkommenen untätigen Skeptikern überhaupt möglich ist. Hier verkehren, hieß einem allerdings friedlichen Orden angehören, der gelobt zu haben schien, die Wirklichkeit nur aus Berichten und nur als die Spiegelung der kleinen Züge eines Nebenmenschen, der auch nichts tat als spiegeln, zu gewinnen.

Ich brauchte nicht lange herum zu suchen. Ich sah ihn sofort. Mein Glück waren die zehn Minuten, bevor der Kellner Jean sich bei mir einfand. Diese zehn Minuten lang durfte ich den allerlebendigsten P. A. betrachten, ergründen und begrüßen. Ich sah den vollendeten Schauspieler seiner selbst, das unverkümmerte Ich auf seiner unvergeßlichen Lebensbühne.

Als P. A. an den Tisch trat, mir die Hand gab, sich zu mir setzte, wußte ich kaum mehr etwas von mir selbst. Ich wußte nur einen unendlichen Satz, den ich in einer heftig bewegten Bewußtlosigkeit als eine Art Spirale sich selbst bilden fühlte, und der auf Seite soundsoviel von „Wie ich es sehe“ endete, dort, wo das kleine Mädchen, das in den Bleikammern eines Pensionats schmachtete, von ihrem Vater besucht wird und zu ihm sagt: „Papa! Raucht die Lampe im Speisezimmer noch –!“ und mit dieser Frage wohl nicht dem Vater, aber P. A. ihr ganzes Heimweh verriet.