Wir sahen:

Sieben Stunden nach dem Ende der Krönungszeremonie in der Westminster-Abtei hatten zwei Düsenbomber so viele Kopien des von der Feier hergestellten Fernsehfilms über den Atlantik gebracht, daß etwa hundert Millionen Amerikaner (für sie sogar ungefähr zur gleichen Zeit) an dem Schauspiel teilnehmen konnten. Die direkte Übertragung nach dem europäischen Festland ist schätzungsweise von 20, die unmittelbare Sendung der BBC in England von 30 Millionen gesehen worden. 150 Millionen also waren dabei, als der Erzbischof von Canterbury Elizabeth II. die fünf Pfund schwere St.-Edwards-Krone aufs Haupt setzte. Die Fernsehtechnik hat es erreicht, daß das Wort Churchills vom „historischen Tag“ auch außerhalb Englands in seiner Wahrheit empfunden werden konnte. Auch die Verminderung der Bildschärfe, die für uns durch die mehrfach erforderlichen Zwischenschaltungen, zum Teil auch durch das regnerische Wetter in London entstand, konnte nur unwesentlich den Eindruck trüben, den die einmütige Gläubigkeit aller Völker des Commonwealth bei dieser sakralen Handlung machte.

Wir hörten:

Am Krönungstag hat die BBC bewiesen, wie zweckmäßig die Zentralisierung der Funkarbeit in einem großen Lande ist. Ginge es nach den Absichten jener Kreise, die kulturpolitisch in Nordrhein-Westfalen führen, so würde die an sich schon für die Hörer so mißliche Dezentralisierung des deutschen Rundfunks noch weiter getrieben werden als bisher. Der Fronleichnamstag konnte zeigen, wie hinderlich solche Absichten für die geistige Einheit Deutschlands sind. Sinngemäß fiel an diesem Tag dem Kölner Funkhaus die Ausarbeitung des ganzen WDR-Programms zu. Man hatte in langer, reiflicher Arbeit die Hauptsendung vorbereitet: die deutsche Uraufführung von Calderons Weihespiel „Des Menschen Unterhaltsprozeß mit Gott“, das Hubert Rüttger zum erstenmal nachdichtete und zu dem Bernd Alois Zimmermann eine wunderschön sangbare, neubarocke Chormusik (mit Soli) schrieb. Dies allegorische Spiel Calderons vom Zerfall des Menschen mit Gott und seiner endlichen Versöhnung wirkte ganz gegenwärtig in seinem Hauptmotiv des menschlichen Aufbegehrens und des Verlangens nach einem Gericht über Gott, und wenn auch eine Figur des Spiels zu sagen hat: „Dies alles ist mir viel zu allegorisch“, so war doch durch Ludwig Cremers Funkbearbeitung und Regie dafür gesorgt, daß der Hörer nicht in diesen Spott einstimmte, sondern sich von der kühnen Frömmigkeit des Spaniers ansprechen ließ. In keiner anderen Kulturlandschaft Nordwestdeutschlands als am Rhein konnte diese bedeutende funk-künstlerische Leistung entstehen. Aber das Gute war: sie konnte im protestantischen Norddeutschland überall gehört werden. Wenn aber der NWDR gespalten würde...? Auch dann bliebe Radio Bremen, das leider jetzt schon in splendid isolation leben muß, weil der Wellenplan es so will. Es sendete am Abend vor Fronleichnam einen lebenden Spanier, einen ganz modernen, in dem Calderons Geist wach ist: Alejandro Casona. „Das Boot ohne Fischer“ wird vom Teufel einem Menschen in die Hand gespielt. Aber dieser Mensch auf der Fährte des Teufels entdeckt den göttlichen Sinn des Lebens, und diese Erkenntnis befreit ihn vom Teufel, der resignieren muß wie bei Calderon, wo er den Prozeß gegen den Menschen vor dem Thron der himmlischen Gerechtigkeit verliert. Auch hier kam über den Äther die Botschaft des Fronleichnamstages: Der Teufel ist immer der Genarrte.

Wir werden hören:

Donnerstag, 11. Juni, 20.20 vom NWDR:

Vater und Sohn Spoerl, durch ihre heiteren Bücher berühmt, sind von Beruf Juristen. Das Kölner Funkhaus hat Alexander Spoerl, den Sohn, in dieser Eigenschaft zu einem „beinahe ernstem“ Kriminalhörspiel angeregt, das den Hörer – diesmal gar nicht parodistisch – in die Arbeit der Untersuchungsbehörden einführt. Der Autor selbst spricht die erläuternden Worte.