Da findet am kommenden Sonntag in Hamburg eine Motorboot-Wettfahrt statt, die sich stolz „Das blaue Band der Elbe“ nennt, an der aber nicht, wie man aus dem Namen schließen könnte, etwa die besten Sportler, sondern ausschließlich die Führer der Hamburger Hafenbarkassen teilnehmen dürfen. Der Gedanke zu diesem Wettbewerb tauchte im Jahre 1928 auf. Man wollte den Männern der Arbeit, die Tag für Tag, von früh bis spät, bei Regen und bei Sonnenschein, unermüdlich mit ihren Booten das Wasser des Hafens durchpflügen und dabei manche heimliche kleine Wettfahrt durchführen, Gelegenheit geben, sich auch einmal in echtem Wettkampf miteinander zu messen. Zugleich sollten dabei die Motorfabriken und Bootswerften ihre Typen und die Qualität ihres Materials überprüfen und Lehren für die Weiterentwicklung daraus ziehen. Schließlich wollte man durch die Wettfahrt auch den breitesten Volkskreisen die Möglichkeit bieten, einmal einem Motorbootrennen beizuwohnen.

Wie sehr der Sport zur Kultur eines Volkes gehören kann und wie tief er im Leben der Nation verankert ist, zeigte sich bei der Krönung der jungen Königin Elizabeth II. Unter den vielen, die anläßlich dieses Festes den Ritterschlag erhielten, befanden sich auch zwei Sportsleute, zwei Berufssportler wohlgemerkt: ein Krickettspieler und ein Jockey. Daß die Königin gerade aus diesen beiden Lagern zwei Männern den Adel verlieh, hatte seine tiefe Bedeutung. Noch immer ist Krickett das Spiel der britischen Nation, wahrscheinlich auch der älteste Sport des Landes überhaupt, und die Pferdezucht und ihr Sport in der ganzen Welt verdanken England alles. Die Königin wählte keine Vertreter des Massensports, sondern ihre Wahl fiel wohlbedacht auf zwei Männer, die trotz aller ihrer persönlichen Erfolge und den vielen Triumphen, die sie vor Millionen von Menschen erringen konnten, doch bescheiden und nobel blieben. Der siebzigjährige Kricketter Sir John Berry Hobbs greift heute nur noch zu seinem Vergnügen einmal zur Holzkeule, der Jockey Sir Gordon Richards aber – mit seinen über 4625 Siegen in etwa 20 000 Ritten noch immer im Sattel. Am letzten Wochenende glückte ihm sogar, worauf er zweiunddreißig Jahre geduldig gewartet hat, das Derby zu Epsom zu gewinnen. Daß er dabei das Pferd der Herrscherin des Landes schlug, war für die königliche Turffreundin zwar schmerzlich, aber versöhnend wirkte, daß es eben ein Meister wie Sir Gordon war, dem ihr Jockey sich zu beugen hatte.

Wann wird man auch in anderen Ländern so weit sein, den Sport so sichtbar zu ehren? In Deutschland hat man trotz allem Ordenssegen der letzten Jahre noch nicht einmal dem Sportprofessor aus Köln das bescheidene Bundesverdienstkreuz an seine Revolutionärsbrust geheftet, obwohl er, nach dem Urteil aller maßgebenden internationalen Experten, dem Sport der Welt in fünf Jahrzehnten eine Fülle segensreicher Anregungen gegeben hat. So bescheiden sind wir hierzulande.

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Während ein Großer des Sportes so großzügig geehrt wurde, mußte ein anderer für immer abtreten. William T. Tilden, einer der besten und größten Tennisspieler der Welt, ist im Alter von 60 Jahren in Hollywood einem Herzschlag erlegen. Mag es auch in den letzten Jahren, rein sportlich gesehen, sehr still um diesen Mann gewesen sein, zumal sein Lebenswandel die heftigste Kritik in der amerikanischen Öffentlichkeit hervorgerufen hatte und er mit den Strafgesetzen seines Landes wiederholt in Konflikt geriet, so muß man ihm doch vorbehaltlos attestieren, daß er zu der Zeit, da er noch als Amateur die internationalen Meisterschaftsplätze beherrschte, ein vorbildlicher Sportsmann war und Tennis als Kampfspiel mit auf die stolze Höhe führte, auf der es heute steht. Wenn er, den man einmal den größten Tennisteehniker nannte, in Laune war und seine Aufschläge, Chops und Slices demonstrierte, versetzte er seine Zuschauer in einen Rausch atembeklemmender Spannung und leidenschaftlicher Begeisterung. Man wird an diesen Mann noch lange zurückdenken, der neben vielen nationalen Meisterschaften drei „Weltmeisterschaften“ zu Wimbledon gewinnen konnte, von 1920 an und fast ein Jahrzehnt lang an der Spitze aller Tennisspieler der neuen wie der alten Welt stand.

Walther Kleffel