mdt Montevideo, im Juni

Das uruguayische Außenministerium hat den mit der Deutschen Bundesrepublik am 19. April paraphierten Handels-, Zahlungs- und Meistbegünstigungsvertrag jetzt über den Regierungsrat dem Parlament zur Ratifizierung bis zum 30. Juni zugestellt. Nach Bekanntgabe der wesentlichsten Einzelheiten des neuen Warenaustauschdokumentes besteht in hiesigen Außenhandelskreisen Übereinstimmung darüber, daß mit der vorgesehenen Ausschaltung der Warenlisten-Wertquoten ein bemerkenswerter Fortschritt in der Liberalisierung des Handelsverkehrs mit Lateinamerika erreicht worden ist. Mit Recht unterstreicht das dem Consejo Nacional de Gobierno übermittelte Memorandum des Außenministeriums, daß die zukünftigen Warenaustauschbestimmungen „sowohl technisch als auch inhaltlich den uruguayisch-deutschen Handelsvertrag von 1933 und die Nachkriegsabkommen 1947 und 1949/50 übertreffen“.

Tatsächlich ist vom zweiten Halbjahr 1953 ab durch die neuen Vereinbarungen die Ausweitung des gegenseitigen Warenaustauschvolumens auf der Basis eines Swing-Kreditvolumens von 7 Mill. $ möglich. Erst wenn dieser Betrag durch einen der Handelspartner infolge Vorwegkäufe ausgenutzt ist – bisher wurden in der Nachkriegszeit die Swingvolumen von früher 10 und seit 1952 5 Mill. $ nur zu höchstens Dreiviertel in Angriff genommen –, muß Barzahlung sofort in Gold oder US-Dollars erfolgen. „Die Staatsbank wird dafür sorgen“, erklärte der Abteilungsleiter für Außenhandelsgeschäfte des Banco de la Republica Oriental del Uruguay, „daß jeweils genügend Verrechnungsdollars für wichtige Geschäfte nach beiden Richtungen zur Verfügung stehen. Innerhalb der zu bildenden vierköpfigen uruguayisch-deutschen Kommission werden wir mit beiderseitig gutem Willen versuchen, alle drohenden Stockungen rechtzeitig zu überwinden, um für eine Stetigkeit in dem Fluß der Handelsbeziehungen zu sorgen.

Die Deutschland gleichzeitig zugebilligte Meistbegünstigung bezieht sich auch auf die Importlizenz-Quotenzuteilung, die im Verhältnis zu anderen Handelspartnern auf der Basis des Gesamtzuteilungsvolumens und eines Anteilkoefizienten (Exportvolumen Deutschlands nach Uruguay 1952 rd. 19 Mill. $ an dritter Stelle hinter den USA mit 60,7 Mill. und England mit 28,5 Mill. $ innerhalb eines Uruguay-Gesamtimportvolumens von 236,5 Mill. $) nie geringer sein wird. Außerdem ist in Rechnung zu stellen, daß der Bundesrepublik mit der vorgesehenen teilweisen Wiedereinführung der sog. eidesstattlichen Erklärungen für gewisse Warengruppen der ersten Importkategorie mit England, Frankreich, Belgien, Österreich und Brasilien gewisse Privilegien zugebilligt werden sollen.

Alles zusammengenommen darf wohl gesagt werden, daß die neuen Warenaustauschvereinbarungen bei rechtzeitiger Inkraftsetzung am 30. Juni dem uruguayisch-deutschen Handelsverkehr einen bedeutenden Aufschwung geben können. Die deutschen Exporte, die in den letzten beiden Jahren zwischen 25 und 19 Mill. $ gelegen haben, dürften sich bei einer sorgfältigen Beobachtung unserer Wirtschaftskonjunktur schon in diesem Jahr im Wert um 35–45 v. H. erhöhen!“

Es wird in den Hamburg-Bremer Außenhandelskreisen und bei der deutschen Exportindustrie eine gewisse Enttäuschung darüber gegeben haben, daß von der den deutschen Unterhändlern mitgegebenen Marschroute in bezug auf das Zahlungsabkommen abgewichen werden mußte. Weder die Möglichkeit eines Handelsabkommens auf der Basis freier Dollarzahlungen, noch ein Zahlungsabkommen auf der Basis der DM-Währung als Verrechnungseinheit ließ sich verwirklichen, so sehr gerade eine DM-Zahlungsbasis zur Stärkung des Vertrauens in die neue deutsche Westmarkwährung alsHart-Devisenwährung in Lateinamerika beigetragen hätte. Uruguay mußte nach den Erfahrungen mit der Sterlingabwertung in diesem Fall auf eine Goldsicherheit drängen. Aber gerade das neue Zahlungsabkommen hat neben der Ausschaltung der Warenlisten eine gewisse Liberalisierung im Uruguay-Handel gebracht, die nicht verkannt werden sollte. Mit der Meistbegünstigungsklausel und dem relativen Einfluß der gemischten Kommission auf die Abwicklung der Geschäfte und die Quotenzuteilung für die drei Lizenzwarengruppen (erste Kategorie 79, zweite und dritte Kategorie 21 v. H. des Gesamteinfuhrvolumens 1952) ist der Weg für eine Warenaustauschausweitung von vielen bisherigen Schwierigkeiten befreit worden.