Von Paul Hübnerfeld

Mal sehen, was uns blüht“ – so hieß das Programm. des Berliner Kabaretts „Die Stachelschweine“. Doch könnte dieser Programmtitel auch der Stoßseufzer \so manches Kabarettbesuchers von heute sein: denn das Kabarett, Gott sei’s geklagt, erlebt zur Zeit keine Blüte, und daran ist nur die böse Demokratie schuld.

Daß die „Stachelschweine“ – ebenso wie das „Komödchen“ in Düsseldorf – eine Ausnahme sind, davon soll erst später die Rede sein: zuerst gilt es, die verderbliche Rolle der Demokratie auf jenen Brettern zu beweisen, die zwar nicht die Welt, aber doch die Zeit bedeuten können, in der Kabarettisten und ihr Publikum leben. Das Kabarett, das immer auch politisches Kabarett sein muß, will es nicht seinem Wesen untreu werden, hat deshalb auch einen schnelleren und freilich auch kürzeren Einfluß auf sein Publikum als das Theater. Kabarettisten prägen den aktuellen Lebensbezug einer Epoche mit; und wer einmal später (hoffentlich erst viel später) eine wirklich objektive Geschichte des verderblichen tausendjährigen Reiches schreiben will, der darf zwar nicht Adolf Hitler, aber auch nicht – Weiß-Ferdl oder Werner Fink vergessen.

Adenauer aber, fürchte ich, wird ohne Kabarettisten in die Geschichte eingehen. Als Regierungschef eines demokratischen Landes muß er ein Maß von Toleranz mitbringen, das für das deutsche Kabarett tödlich wirkt! Da ist alles erlaubt bis fast zur Beleidigung, die Beleidigung selbst ist meist nicht witzig und fällt deshalb für den Kabarettisten fort. Wie hat sich doch in den letzten Jahren zum Beispiel Werner Fink bemüht, mit Bonn in eine anständige Reiberei zu kommen Was er auch tat – wie mager war sein Ergebnis: ein paar Proteste, eine Anfrage im Bundestag ... ja, glaubt man im Ernst, damit einen Mann zufriedenzustellen, der früher eine eigene SS-Theaterwache gewohnt war?

Zwei Stunden lang hat dieser große Kabarettist in der vorigen Woche im Hamburger Thaliatheater unter dem Titel „Am besten nichts Neues“ sich diese Sorgen von der Seele geredet. Er sprach allein. Der größere Teil des Publikums lachte, weil es glaubte, es handle sich hier um ein Ein-Mann-Kabarett, der kleinere war still und interessiert, weil er merkte: es war ein Nekrolog, der hier gesprochen wurde. Ein Nekrolog auf jene verfluchte, unmenschliche, aber fürs Kabarett so goldene Zeit, in der sich Finks Leben zwischen Erfolg und Konzentrationslager abspielte ...

Nun ist aber das deutsche Kabarett ja nicht als Widerstandsbühne gegen das dritte Reich gegründet worden. Vielmehr lag seine eigentliche Blüte im Berlin der zwanziger Jahre. Aber hatten wir da nicht auch eine Demokratie? Gab’s da nicht auch – vielleicht noch größere – Toleranz als heute? Schon recht; aber es gab auch schon die Feinde, von denen man wußte: erhielten sie eines Tages die Macht, würden sie die Toleranz vernichten. Diese Feinde waren politische Feinde, und sie standen rechts. Also stand das deutsche Kabarett links. Links standen seine großen Autoren, von denen heute nur noch Erich Kästner schreibt (aber kein Kabarett, sondern Kinderbücher, worauf gerade die „Stachelschweine“ in ihrem Programm bösewehmütig-witzig aufmerksam machten).

Aus diesem Linksdrall sind die kleinen und mittleren Kabaretts bis heute in Deutschland nicht herausgekommen. Daher auch, aufs Aktuelle bezogen, die Themen von 1920 bis 1930 immer noch das Programm füllen, nur daß aus dem arroganten Reichswehrleutnant von damals der wiederaufrüstungsfreudige General von heute geworden ist. Na ja: jünger ist er als Kabarettfigur seitdem nicht geworden, witziger auch nicht, höchstens noch trauriger.