Im idyllischen Neuenkirchen, wo an der Niederelbe die Obstbäume am dichtesten stehen, kann man am Wochenende den Minister Hellwege, Chef der Deutschen Partei, ausfindig machen. Die Hellweges wohnen in dieser Gegend schon seit einigen hundert Jahren. Das Haus des Bundesministers, auf dem zum Zwecke des Absatzes landwirtschaftlicher und chemischer Produkte der Name in großen Buchstaben steht, ist solide und bescheiden. In einer gemütlichen Ecke hängen ein paar Bilder, die zur Charakteristik des Hausherrn etwas beitragen mögen. Nicht so sehr die Photos von Truman und einigen amerikanischen Politikern, die Ausbeute einer Amerikareise des Vorjahres, um so mehr aber die Bilder des letzten Hannoveraner Königspaares und der fröhlichen, zarten und hübschen Friederike von Griechenland. „Ich habe mich dessen nicht zu schämen“, sagt Heinrich Hellwege, „so ist es, ja, so ist es...“

Den Chef der Deutschen Partei muß man aus dem hannoveranischen Boden verstehen, in dem er wurzelt. Ein schwerer Menschenschlag in einem fruchtbaren, konservativen Land. Genau so sieht der Kern der Deutschen Partei aus, die Hellwege 1946 in Neuenkirchen als „Niedersächsische Landespartei“ gegründet hat. Die Bauern Semmelhack und Offermann, der Tischler Cordes, der Wachtmeister Frickmann, der Oberschullehrer Behrens und wie sie alle heißen, die sich damals mit Hellwege zusammenfanden, sie stecken alle in der hannoveranischen Tradition. Hellwege selbst hat schon als junger Mensch vor 1933 zur Deutsch-hannoveranischen Partei gehört, zu jener kleinen, aber unentwegten Gruppe, die stets zum großdeutschen Föderalismus geschworen hat. 1866 haben die Hannoveraner nicht mit Bismarck und 1933 nicht mit Hitler Kompromisse machen wollen. Kein NS-Schatten fällt daher auf Heinrich Hellweges Vergangenheit. Als die Jugendorganisation der Deutsch-Hannoveraner gleichgeschaltet und der SA zugeführt werden sollte, sagten die sturen Niedersachsen: Nein. Das machte sie mißliebig. Sogar erwies es sich für den jungen Hellwege, der damals in Hamburg als Einkäufer einiger Ost-Asien-Firmen eine Laufbahn begonnen hatte, als ratsam, sich alsbald nach Neuenkirchen zurückzuziehen. Dort blieb er sitzen und baute an den väterlichen Geschäft, bis ihn im August 1939 die Preußen holten.

Die Niedersächsische Landespartei hatte bald großen Erfolg. Im Hannoverschen Landtag spielte sie eine bedeutsame Rolle, im Wahlkreis Stade-Bremervörde, aus dem sie stammt, sind sämtliche gewählten Landräte ihre Männer. Der welfische Föderalismus mit seinen religiös konservativen und tief patriotischen Aspekten erwies sich als attraktiv. Allmählich kamen aus Hamburg, Schleswig-Holstein und Bremen Leute, die etwas ähnliches machen und Anschluß finden wollten. Das war der Grund der Ausbreitung der Partei und der Namensänderung, die 1947 vorgenommen wurde. Der neue Name hat Kritik gefunden, weil schließlich alle Parteien in Deutschland den Anspruch erheben, deutsche Parteien zu sein, und weil daher die Arrogierung eines solchen Parteinamens als Kundgebung eines exklusiven Nationalismus erscheint.

„Darauf könnte ich antworten, daß sich eine andere Partei als sozial und demokratisch und eine dritte als frei und demokratisch bezeichnen. Und ich bin ebenso sozial und demokratisch und frei wie die anderen deutsch sind. Unser Parteiname kommt aber aus der Tradition. Wir haben uns so genannt in Anlehnung an die ‚Deutsche Fraktion‘ im alten Reichstag, die aus Zentrum und Deutsch-Hannoveranern bestand. Mit Nationalismus hat das nichts zu tun.“

Das gilt für Hellwege und seine Hannoveraner, das gilt aber nicht mit derselben Genauigkeit für alle, die sich in den letzten Jahren in anderen Bundesländern der Deutschen Partei angeschlossen haben. So ist die Deutsche Partei zweischichtig. Die Ausdehnung auf das Bundesgebiet, die in den Jahren 1947 bis 1950 erfolgte, mußte, wenigstens nach außen hin, das hannoveranische Erbgut verwässern. Der unverdrossene Kampf, den Hellwege gegen die Diffamierung der früheren Soldaten und Nationalsozialisten führte, sein manchmal explosives Eintreten für die Rechtsgleichheit, das bei ihm eine tiefe moralische Grundlage hat, vergrößerte die Partei, aber es drohte ihr auch nationalistische, ja ideologisch bestimmte Kräfte zuzuführen, die nicht umgelernt hatten. Die Folge war eine Anzahl von Personalaffären, unter denen die des Bundestagsabgeordneten Hedler und des früheren NS-Oberbürgermeisters von Frankfurt, Krebs, die lautesten gewesen sind. Aber diese Affären sind der Reihe nach liquidiert worden. Es waren Betriebsunfälle, und sie wurden als solche behandelt. Hellweges Standpunkt haben sie nicht geändert, den er so formuliert: „Wir wollen die moralischen und wirtschaftlichen Schäden der Entnazifizierung beseitigen. Das gilt für die Menschen, die am Aufbau der Demokratie mitarbeiten wollen. Wer aber glaubt, er könne nicht nur sich selbst, sondern auch gleich die nationalsozialistische Ideologie entnazifizieren, der irrt, für den ist kein Platz bei uns und auch nicht im politischen Leben überhaupt. Er soll sich damit begnügen, einen Beruf auszuüben...“

Aber nicht alle, die zur DP kamen, haben sich daran gehalten, das merkt man an dem Rummel, der auf schwarz-weiß-roten DP-Veranstaltungen manchmal ausbricht. Man merkte es auch an der Krise, die im vergangenen Jahr auf dem Goslarer Parteitag deutlich sichtbar wurde. In Goslar hatten die jungen Landesverbände Hessen und Rheinland-Westfalen – der letztere ist seither wegen allzu eifriger „nationaler Sammlung“ in tote aufgelöst und neugegründet worden – kräftig gegen die Führung der Hannoveraner zu demonstrieren versucht und mit einer Stimme Mehrheit anstatt Hellweges den Verkehrsminister Seebohm zu Parteivorsitzenden gewählt. Die Wahl beruhte auf einem Konstruktionsfehler der Parteisatzung, der später vom Hamburger Parteitag behoben wurde. Seebohm, der sofort verzichtete, tat alles, um Hellwege wieder zur Annahme des Vorsitzes zu bewegen. Beim Hamburger Parteitag im Mai 1953 hat sich gezeigt, daß diese Krise, die doch auch wieder ein Symptom der Zweischichtigkeit der Partei war, überwunden ist. Die Führung liegt wieder fest in der Hand des niedersächsischen Föderalisten Hellwege. Vielleicht ist das ihre Rettung in einer Zeit, in der so viel vom „Unterwandern“ der Parteien geredet wird. Denn bei Hellwege besteht keine Gefahr, daß er sich von seinen Palladinen oder gar von seinen Anhängern allzusehr imponieren läßt. Nicht daß er arrogant wäre, im Gegenteil. Aber dieser Mann, der kein Intellektueller ist, und vielleicht gerade deshalb manchmal sehr gescheite Dinge sagt, hat ein Fundament, das solche Entwicklungen gar nicht zuläßt, – solange er die Zügel in der Hand hat. Er ist wirklich konservativ, das heißt unzugänglich für Idelogien, und was mehr ist: er ist religiös. Das ist die Grundlage seiner Zuverlässigkeit, an der niemand zweifelt. Sogar Adenauer soll gesagt haben, daß Hellwege „sein treuester Minister“ sei.

Ab und zu macht Heinrich Hellwege in Bonn von sich reden. Der Wahlrechtsvorschlag, um den jetzt so hart gestritten wird, stammt ursprünglich von ihm. Heute sagt er darüber: „Dieses Wahlrecht nötigt die Parteien, schon vor der Wahl zu bekennen, welche Koalition sie eingehen wollen. Ist das nicht ehrlich? Hat nicht der Wähler das Recht zu erfahren, ob die Partei, der er seine Stimme gibt, zum Schluß mit Adenauer oder mit Ollenhauer gehen will?“ Man wird das schwerlich verneinen können.

In der Außenpolitik ist Hellwege ein konservativer Europäer. „Wir haben die Außenpolitik des Kanzlers am konsequentesten vertreten“, sagt er und fügt hinzu, man dürfe nicht übersehen, daß in unserer Zeit nicht mehr die Linke, sondern die Rechte den Internationalismus in die Politik trägt. Ein Grund mehr für ihn und seine Partei, gegen die Sozialdemokraten zu Feld zu ziehen: „Uns unterscheidet von unseren Koalitionspartnern, daß wir der SPD entschiedener entgegentreten“, sagt er, Und hofft, damit einen Wahlerfolg zu erringen. W. F.