Es könnte sein, daß zukünftige Historiker einmal zu dem Ergebnis kommen, am 3. Juni 1953 habe eine neue Epoche der Politik begonnen. Am Abend dieses 3. Juni – einen Tag nach der Krönung Elizabeths II. – begab sich nämlich in Washington folgendes: im alten Kabinettssaal des Weißen Hauses saß Präsident Eisenhower am Schreibtisch, und um ihn versammelt waren vier Mitglieder seines Kabinetts (Schatzsekretär Humphrey, Generalstaatsanwalt Browning, Landwirtschaftsminister Benson und Mrs. Culp Hobby, Minister für Gesundheit, Erziehung und Wohlfahrt). Das ist ein alltägliches Ereignis. Nicht alltäglich aber war, daß Fernsehkameras im Saal standen und eine Sitzung von Eisenhowers Kabinett an alle 500 Fernsehstationen der Vereinigten Staaten weitergaben, so daß zur gleichen Sekunde wahrscheinlich die meisen der 50–100 Millionen Amerikaner, die am Tag zuvor die Krönung mitgesehen hatten, nun einer der sonst streng geheim gehaltenen Amtshandlungen ihres Präsidenten beiwohnen konnten.

War es eine „echte“ Kabinettssitzung? Die Sendung dauerte eine halbe Stunde und war sorgfältig geprobt worden. Zunächst sprach Eisenhower über die Sowjets und über Bermuda, dann kamen die Budgetprobleme, das Farmerprogramm und die Sozialpolitik an die Reihe, jeweils von dem zuständigen Kabinettsmitglied vorgetragen und von den anderen, auch von Eisenhower selbst, durch Zwischenfragen und Randbemerkungen unterbrochen. Der Präsident zeigte oft sein berühmtes Lächeln, trommelte mit den Fingern auf der Schreibtischplatte und schlug sogar einmal mit der Faust darauf. Das alles wird er wohl bei normalen Kabinettssitzungen nur selten tun. Auch hat er dort keinen Anlaß, so prinzipiell und schlagwortartig zu formulieren: „Es wird kein neues München geben. Aber wir werden auch nicht das Risiko eines neuen Krieges eingehen“ – eine Formel, die allein schon zeigt, daß die ganze „Sitzung“ für das amerikanische Publikum am Fernsehgerät arrangiert war. Für Millionen von Frauen und Männern, die Kinder nicht zu vergessen.

Es war also, trotz des Titels „Democracy at Work“, den die Sendung hatte, ein Round-Table-Gespräch der Prominentesten, keine normale Kabinettssitzung. Es war eine kleine show, bestimmt, den Einwänden gegen Eisenhowers Politik durch persönlichen Eindruck ein Gegengewicht zu bieten. Dennoch: welch ungeahnte Möglichkeiten!

Kabinett – das Wort war bisher fast gleichbedeutend mit Geheimnis. Die absoluten Monarchen, ein Philipp II., ein Friedrich der Große, eine Katharina, regierten in den vier Wänden ihres Kabinetts, zu dem nur die „Geheimen Kabinettsräte“ Zutritt hatten. Und auch, als im Zeitalter des Parlamentarismus das Gesetzgeben mehr und mehr öffentlichen Charakter annahm, blieben die Vorgänge des Regierens in den Kanzleien und Kabinetten verschlossen, ein „Arcanum“ für das Volk. „Sag es niemand, nur dem Weisen, weil’s die Menge gleich verachtet ...“ Nach diesem Prinzip wurde Politik auch in unserem Jahrhundert bisher gemacht. Ja, als im Ursprungsland der Demokratie, in England, die zunehmende Menge der Staatsaufgaben eine wachsende Zahl von Ministerien erforderte, wurde auch dort für die entscheidenden Fragen eigens ein „Kabinett“ gebildet, dem nur die Inhaber der wichtigsten Ressorts angehören und von dem die übrigen Minister ebenso ausgeschlossen sind, wie die gesamte Öffentlichkeit. Und in Amerika war es nicht anders. Die Türen zum Kabinettssaal im Weißen Haus öffneten sich nur für die engsten Mitarbeiter des Präsidenten. Kein Journalist durfte hier seinen Stenogrammblock zücken, kein Photograph sein Blitzlicht aufflackern lassen, kein Funkreporter ein Mikrophon anschließen.

Und nun? Das Kabinett stellt sich der Television, dieser unbarmherzigsten und indiskretesten, aber auch unmittelbarsten und einprägsamsten Form der Berichterstattung. Gewiß, was geheim bleiben soll, wird auch weiter geheim bleiben, und es ist nicht zu erwarten, daß sich hinfort alle Beratungen und Verhandlungen vor Millionen Augen abspielen werden. Aber die Öffentlichkeit ist ein gefräßiges und ungenügsames Tier. Sie wird von dem Fernsehstar Eisenhower, dessen telegene Qualitäten sich schon im Wahlkampf bewährt haben, verlangen, daß er ihr immer neue Vorstellungen gibt. Wer wird schließlich überhaupt noch unterscheiden können, was Wirklichkeit ist und was Vorstellung? Überdies wird die Öffentlichkeit wahrscheinlich bald überhaupt keinen Staatsmann mehr anerkennen, der nicht mindestens so telegen ist, wie Eisenhower. Alle rednerischen Gaben, alle stille Tüchtigkeit helfen dann nichts mehr, sie „kommen nicht an“ auf den Bildschirmen des Fernsehgeräts. Mit anderen Worten: Die Television wird eine neue Auslese unter den Politikern zur Folge haben.

Wie bei jeder Form der Propaganda gibt es auch beim Fernsehen eine Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Propagandist und Publikum. In der öffentlichen Versammlung will das Publikum gepackt werden; die Resonanz, die der Redner findet, trägt ihn dann nicht selten – wie eine Welle das Boot – an ein Ufer, zu dem er gar nicht wollte. So etwa, als Scheidemann sich am 9. November 1918 durch den Anblick der Massen vor dem Reichstagsgebäude hinreißen ließ, spontan und für ihn selbst höchst überraschend die Deutsche Republik zu verkünden. Auch die unsichtbaren Fernseh-Zuschauer nötigen den Redner sich auf sie abzustimmen, bevor die Kamera ihn aufnimmt.

C. E. L.