Auf eine Einladung des holländischen Koordinationsausschusses für kulturelle Beziehungen mit Deutschland (CCCD,) reisten mehrere Bonner Journalisten durch Holland. Sie hatten unter anderem Gelegenheit, sich in einem Gespräch mit den Abgeordneten Dr. J. J. Schmal von der Katholischen Partei, R. A. Blaisse von der Christlich-Historischen (protestantischen) Partei und J.J. Vorrink von der Arbeiterpartei ausführlich über die Stellungnahme der drei maßgebenden holländischen Parteien zu den Problemen der EVG und der europäischen Integrationspolitik zu informieren.

Sehr interessant war die Stellungnahme der Holländer zur EVG. Sie bejahen sie alle, ohne Begeisterung, wie sie freimütig bemerkten, nur als ein unter den gegebenen Umständen unvermeidliches übel. Und sie werden daher auch den Vertrag unterschreiben, wenn auch „mit sehr viel Klagen“. Man hält drüben einen deutschen Verteidigungsbeitrag für unerläßlich. Es gibt keine Debatten darüber, daß er nur auf der Grundlage völliger Gleichberechtigung geleistet werden kann. Man hätte auch nichts dagegen, wenn die Bundesrepublik ihren Verteidigungsbeitrag als direktes NATO-Mitglied leisten würde. Einst hatte ja gegen eine solche Lösung auch General Eisenhower keine Bedenken. Der Sprecher der Arbeiterpartei, Vorrink, hat seinerzeit zu Eisenhower gesagt: „Sie haben Ihre Meinung in dieser Frage (selbständige deutsche oder integrierte Armee) innerhalb von sechs Monaten um 180 Grad gedreht. Sie müssen verstehen, daß wir Holländer das nicht so schnell mitmachen können.“ Inzwischen hat man sich in Holland aber umgestellt und man würde es vermutlich noch einmal tun, wenn eines Tages im Rate der Großen wieder etwas anderes beschlossen werden sollte.

Vorrink fand sehr deutliche Worte. Er distanzierte sich entschieden von der mancherorts noch immer bestehenden Furcht vor den deutschen Generalstäblern. Man brauche sie, diese Leute hätten bewiesen, daß sie von der Sache etwas verständen. Deutlich war seine Kritik an der Haltung der deutschen Sozialdemokratie in der Frage des deutschen Verteidigungsbeitrags. Hier wurde ein Gegensatz erkennbar, den man aus der Entfernung doch nicht in seiner ganzen Schärfe gesehen hatte. Die Holländer sind nüchterne Rechner. Schmal von der Katholischen Partei meinte, sein Land habe keine Lust, jährlich 1,5 Milliarden Gulden für Verteidigungszwecke auszugeben, ohne eine gewisse Gewähr dafür zu haben, daß diese Ausgabe auch wirklich sinnvoll sei. Das wäre sie aber nicht ohne die deutsche Beteiligung an der gemeinsamen Verteidigung.

Hinsichtlich der strategischen Konzeption hat man in Holland ähnliche Bedenken, wie sie auch in Deutschland geäußert werden. Man möchte Gewißheit haben, daß ein strategischer Plan vorbereitet wird, der nicht auf der Verteidigung der Rhein-Linie basiert. Denn das würde die Preisgabe des östlichen und nördlichen Teils von Holland bedeuten. Man wünscht eine offensive Verteidigung und fordert eine stärkere Konzentration der strategischen Pläne auf das für den Nachschub so wichtige Holland.

Die Integrationspolitik wird also in Holland im Prinzip genau so bejaht wie in Bonn; aber man ist dort anderer Meinung über Methode und Tempo. Hier zeigt sich eine Skepsis, zu der die Erfahrungen mit der Benelux-Union beigetragen haben mögen. Denn selbst in diesem engen Rahmen war es bisher nicht möglich, die Politik der drei Länder in dem zu Anfang erhofften Ausmaß zu koordinieren. Daher warnten die holländischen Gesprächspartner davor, aus dem Beispiel der Montan-Unioi generalisierende Schlüsse zu ziehen. Hier handele es sich, meinte Blaisse, um einen Wirtschaftssektor besonderer Art. Seine Integrierung lasse den einzelnen Ländern noch immer einen genügend selbständigen wirtschaftlichen Spielraum. Würde man aber diese Bewegungsfreiheit durch die Integrierung weiterer Wirtschaftszweige einengen, dann stünde man bald vor großen Schwierigkeiten. Blaisse hält den von Außenminister Beyen vorgeschlagenen gleichmäßigen Abbau der europäischen Zolltarife, aufgeteilt auf etwa zehn bis fünfzehn Jahre, für den gangbarsten Weg zu einer europäischen Wirtschaftsunion. In der Katholischen Partei scheint man gegenüber wirtschaftlichen Teillösungen (Energieversorgung, Transport, Landwirtschaft) weniger skeptisch zu sein, wie sich aus Äußerungen Dr. Schmal; ergab. Aber gerade er betonte den Vorrang des wirtschaftlichen Fundaments vor dem politischer. Aufbau. Alle drei Parteien halten nach den Äußerungen ihrer Sprecher die forcierte Inangriffnahme der politischen Integration zunächst noch für verfrüht. R. Strobel