Weiß man’s denn genau, was der andere unterm Gewande trägt? Könnte es nicht ein Fläschchen Glyzerin von der nitrathaltigen Sorte sein? Und wie steht es eigentlich mit den Aktenmappen, die manche Besucher mit sich führen? Enthalten sie wirklich nur zusammengefaltetes Butterbrotpapier oder aber – viel wahrscheinlicher – eine kleine Bombe, dazu bestimmt, mich in Atome aufzulösen? Und die Tatsache, daß sie der Besucher liegen läßt, gibt sie aufkeimendem Verdacht nicht neue Nahrung? Und wenn ich sie dann untersuche und wirklich nur Butterbrotpapier finde, wäre damit irgend etwas bewiesen? Könnte es sich nicht um einen abgefeimten Versuch handeln, mich auf die Probe zu stellen, nur um beim nächsten Besuch wieder eine Mappe liegen zu lassen, in der dann...

Nun... ich bin jedenfalls auf alles gefaßt! Mich zu erschießen, zu vergiften, oder in die Luft zu sprengen ist kein Kinderspiel. Ich beuge nämlich vor! Besucht mich zum Beispiel eine junge Dame zum Tee, habe ich binnen zehn Minuten, ohne daß sie etwas ahnt, zumindest die Kapsel ihres Lippenstiftes aufgeschraubt und verdächtige Körner in meinem Privatlaboratorium auf ihren Arsengehalt untersucht. Verde ich allerdings wirklich Arsen feststellen, bewiese das noch nicht viel, es braucht ja gar nicht für mich bestimmt zu sein. Aber immerhin: äußerste Vorsicht wäre dann geboten!

Suchen mich Freunde auf, tasten meine Blicke schon bei der Begrüßung ihre Mantel und Jacken nach verdächtigen Ausbuchtungen ab, bevor ich dann bei der folgenden Schachpartie zu einer eingehenderen Untersuchung ihrer Kleidung, sowie etwaiger Taschen, Pakete und Päckchen übergehe. Daß ich keine Tasse Tee anrühre, ohne sie zuvor auszutauschen, ist wohl selbstverständlich, doch hat sich diese Gewohnheit schon so herumgesprochen, daß ich neuerdings bisweilen meine Besucher irreführe, indem ich die Tassen nicht vertausche, um mich dann an ihren verlegen-betretenen Gesichtern zu weiden.

Natürlich ist es nicht damit getan, nur meine Besucher zu überwachen. Herr Krüger unter mir sieht zwar bieder und friedliebend drein ... aber könnte er nicht gerade ein Verrückter sein, dem man es nur nicht ansieht und der schon seit langem plant, unser ganzes Stadtviertel in Schutt und Asche zu legen? Ist es da nicht meine staatsbürgerliche Pflicht, mich von Zeit zu Zeit, wenn er ausgegangen, in seiner Wohnung umzutun? Und gibt mir die Tatsache, daß ich neulich in seinem Spind eine Pistole aufspürte – vorerst nur eine Kinderpistole, aber es ist klar, worauf der Mann aus ist – nicht jeden Anlaß, auf der Hat zu sein?

Die eigentliche Ursache all dieser Erwägungen ist meine Angst. Daß sie unbewußt schon von Kindesbeinen an ein wesentliches Element meines Lebens gebildet hat, daß bereits die Angst vor dem Ausklopfer meiner Mutter – auch tiefenpsychologisch zu deuten –, daß all meine anderen Ängste nur Attribute einer Urangst gewesen waren, das wurde mir bewußt, als ich mich in reiferen Jahren der modernen deutschen und französischen Philosophie und Literatur zuwandte. An jenen Tag aber, ca. es mir wie Schuppen von den Augen fiel, erinnere ich mich noch ganz genau. Es war ein regnerischer Novembertag, die Blätter hingen gespenstisch faulend von den Bäumen und ich las gerade in der Auslegung einer Tagebuchnotiz von Franz Kafka. Da bekam ich es mit einem Male mit der Angst!

Da ich von Natur aus ein tatkräftiger Mensch bin, beschloß ich, in Zukunft wachsam zu sein wie eine Bulldogge.

Hier kam mir nun mein ehemaliger Beruf zustatten. Ich war nämlich früher Meisterspion! Aus begreiflichen Gründen will in mich über diese Epoche meines Lebens kurz fassen. Wer sich ein wenig auf Spionage versteht – und welcher Leser von Illustrierten würde das nicht? – weiß, was ich meine. Es genügt vielleicht zu erwähnen, daß ich es war, der seinerzeit den Geheimkode des bulgarischen Generalstabes in Suppenwürfeln – und nicht wie kürzlich fälschlich zu lesen stand: in einem Stopfpilz – an Österreich auslieferte, und ich war es auch – jetzt kann es gesagt werden! – der, seischlechten Heimat, gegen Bulgarien, daner zweiten Heimat, getrieben, kurz danach eine Geschoßhille des berühmten österreichischen Bulgarien in Weißbrot eingebacken nach Bulgarien schmuggelte. In diesem Zusammenhang mag es vielleicht interessieren, daß ich mit meiner berühmnie Kollegin Mata Hart seltsamerweise nie zusammengetroffen bin, wohl aber mit ihrer Schwester Hara Hari, deren Existenz der Weltöffentlichkeit bisher unbekannt geblieben ist, obgleich sie im Grunde viel bedeutender war als ihre Schwester!