I. Wenn der Hunger droht – Recht und Unrecht statistischer Prophezeiung

Von K. C. Kowalewski

Noch vor fünfzig Jahren konnte es geschehen, daß in Indien oder China Zehntausende verhungerten, ohne daß die zivilisierte Welt davon sonderlich Notiz genommen hätte. Die Hungersnöte in Asien schienen Naturereignisse wie der gelegentliche Ausbruch des Vesuvs. Es gab keine internationalen Organisationen: es gab keine UNO, keine UNRRA, keinen internationalen Getreidepool, keinen Colomboplan. Auch heute zwar hungern die Menschen in Asien; auch heute noch vegetieren sie auf einer Grundlage von 1200 Kalorien dahin. Und doch ein großer Unterschied zu „damals“.

Wenn der hemmungslose nationale Egoismus ein Kennzeichen des vorigen Jahrhunderts war, so kann die allmähliche Entwicklung eines Weltgewissens, eines Bewußtseins internationaler Verantwortlichkeit der Mächte und des einzelnen als die bestimmte Tendenz unseres Jahrhunderts bezeichnet werden. Die Welt ist nicht länger gleichgültig gegenüber hungernden Völkern. Alles strebt danach, die Probleme dieser Welt auf übernationaler Ebene zu lösen. Und so ist denn die größte Sorge des Menschen – die Sorge, um das tägliche Brot – eine Weltsorge geworden.

Natürlich ist nicht alles reine Menschenliebe. Man weiß, daß hungrige Völker für den Kommunismus anfällig sind. Und wenn man unterentwickelten Gebieten finanzielle Injektionen verabreicht, so mag dabei auch die wirtschaftspolitische Überlegung eine Rolle spielen, daß rückständige Agrarländer schlechte Absatzmärkte der eigenen hochgezüchteten Industrie sind ...

Weltsorge um das tägliche Brot

Die Motive dieser Weltsorge um das tägliche Brot der Massen sind jedoch nicht so wesentlich. Wesentlich ist vielmehr die Tatsache, daß die Brotsorge lediglich ein Teil eines globalen Problems ist: der Weltbevölkerungsfrage. Lange Zeit nur ein Gegenstand akademischer Untersuchungen, ist diese Frage jetzt ein Anliegen internationaler Ordnung. Seit Ende des Krieges haben die düsteren Prognosen über eine drohende Übervölkerung der Erde nicht abgerissen. Der Anlaß mögen die endlosen Kolonnen Vertiebener und Verschleppter gewesen sein. Die abstrakte Gesamtzahl der Weltbevölkerung, bisher nur ein Faktor in Statistiken, drang plötzlich in das allgemeine Bewußtsein ein. Viele Bücher sind, besonders im angelsächsischen Bereich, über das Bevölkerungsproblem geschrieben worden, und es vergeht kaum eine Woche, in der nicht das warnende Orakel eines prominenten Bevölkerungsexperten in aller Welt Beachtung findet. Unsere verängstigte und nervöse Epoche ist für Prophezeiungen sehr empfänglich, je düsterer sie sind, desto glaubwürdiger erscheinen sie; der Pessimismus hat Hochkonjunktur, und was soll der Laie erwidern, wenn ihm erklärt wird, daß nur acht Prozent der Landoberfläche der Erde der Nahrungserzeugung dienen, und daß die Ausdehnung dieser Fläche sowie die Steigerung ihre Ergiebigkeit keineswegs mit der Bevölkerungszunahme Schritt hält? Und wie groß wird erst seine Verwirrung, wenn er feststellt, daß auch die Gelehrten sich nicht einig sind! Während die einen auf einen Zeitpunkt verweisen, an dem in einigen hundert Jahren buchstäblich kein Platz mehr auf der Erde sein wird, deuten andere auf die unerschöpflichen Möglichkeiten der Welt und halten alle Warnungen für pure Spekulation. In der Tat ist die Bevölkerungswissenschaft bisher noch nicht einmal zu einem allgemeingültigen Ergebnis über die Faktoren gelangt, die das Bevölkerungswachstum fördern oder hemmen. Es gibt keine Bevölkerungsgesetze etwa in dem Sinne, wie es physikalische Gesetze gibt. Dennoch soll nicht bestritten werden, daß wir bereits einiges annähernd wissen.