Wir wissen, daß – um bei Europa zu bleiben – Seuchen, Hungersnöte und mangelhafte medizinische Kenntnisse in früheren Jahrhunderten das Wachsen der Bevölkerung hemmten. Immer wieder findet man in mittelalterlichen Chroniken den lapidaren Satz: "In diesem Jahr tötete die Hungersnot viele Menschen." "Biologische Regulation" nennt man das in Fachkreisen. Wir wissen auch, daß die gewaltigen Fortschritte der Technik und der Medizin entscheidend das Bevölkerungswachstum förderten. Wir wissen, daß der enorme Bevölkerungsaufschwung des 19. Jahrhunderts – das interessanteste und in mancher Hinsicht bedeutendste Phänomen der neueren Geschichte – in einem engen ursächlichen Zusammenhang mit der industriell revolution, ferner dem medizinisch-technischen Fortschritt, kurz: der allgemeinen Erhöhung des Lebensstandards gestanden hat. Aber diese Faktoren sind nicht allein ausschlaggebend für die ungewöhnliche Fruchtbarkeit Europas gewesen, denn gegen Ende des 19. Jahrhunderts sank die Geburtenzahl so erheblich, daß man in einigen Ländern bereits von der Gefahr der "Unterbevölkerung" sprach.

Schon jetzt zeigt sich also, daß die Bevölkerungsfrage ein überaus vielschichtiger Komplex ist. Sie kann, je nach dem Standpunkt des Betrachters, sehr verschiedene Aspekte haben –: Die Baubehörden – nicht nur in Deutschland – beobachten beispielsweise mit Besorgnis die Überfüllung der Städte. Der Staatsmann denkt an die politischen Auswirkungen, die aus dem Überdruck volksreicher Gebiete entstehen könnten. Der Ernährungswissenschaftler errechnet die Produktivitätsgrenze des Bodens im Verhältnis zu der Weltbevölkerung. Den Generalstäbler fröstelt bei dem Gedanken an die biologisch-militärische Potenz des Ostens. Explosive Kraft der Vermehrung! Dieses Bild ruft ein anderes von gleich suggestiver Wirkung wach – "Volk ohne Raum". Die Nationalsozialisten begründeten damit ihre expansive Ostpolitik. Die Japaner stützten sich bei ihrer Expansion auf dasselbe Argument, und man weiß, welche magnetische Kraft der leere Raum Australien auf sie ausübte. "Volk ohne Raum!" Nur ein Schlagwort? Eine Propagandathese expansionslüsterner Mächte? Oder drückt er einen konkreten Tatbestand aus? Es scheint so. Denn auch in einem Lande wie Großbritannien besteht seit Jahren schon das Gefühl des "Ohne-Raum-Seins". "Das britische Commonwealth", so lautet eine englische Stimme, "kann seinen führenden Platz in der Welt niemals wieder erringen, und wird nicht einmal dieses Jahrhundert als große Industriemacht überleben, wenn nicht eine Neuverteilung seiner Bevölkerung stattfindet." Aus diesem Grunde wurde im vorigen Jahre in London ein "Auswanderungsrat" (Migration Council) gegründet, dem führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens angehören. Dieser Rat vertritt die Auffassung, daß nur eine Auswanderung großen Stils die übervölkerten britischen Inseln vor einer Katastrophe bewahren könne. Etwa neun Millionen Menschen leben zuviel in England ...

So ist denn die Frage, ob die Erde übervölkert ist, durchaus ernst zu nehmen. Aber nicht einmal die gegenwärtige Bevölkerungszahl der Erde ist genau bekannt. Die Angaben schwanken zwischen 2,2 und 2,5 Millarden. Und diese Zahl kann durchaus größer oder niedriger sein. Niemand weiß es. Über die Hälfte der Menschheit, so nimmt man an, wohnt in Asien, ein Fünftel in Europa, ein Achtel in Amerika und ein Zwölftel in Afrika. Doch diese Daten berühen zum Teil auf veralteten Statistiken, die wiederum auf Volksschätzungen sehr unterschiedlicher Qualität basieren. Manche Staaten haben seit Jahrzehnten keine Volkszählung mehr durchgeführt. In manchen Gegenden sind Volkszählungen im europäischen Sinne überhaupt nicht möglich. Analphabeten sind nicht in der Lage, die dazu nötigen Formulare auszufüllen, die selbst einem gebildeten Mitteleuropäer Kopfzerbrechen bereiten. Die meisten kolonialen Volkszählungen erfassen lediglich die weiße Bevölkerung, während sie die schwarze nur abschätzen. Wie viele Menschen in den Urwäldern Afrikas und Brasiliens wohnen, weiß man nicht einmal annähernd.

Bevölkerungszahl Asiens unbekannt

Die größten Rätsel gibt der asiatische Block auf. Die Angaben statistischer Art aus Rußland zum Beispiel sind so ungenau und so spärlich, daß die UNO-Tabellen häufig an Stelle einer Zahl einen Strich aufweisen. Undurchsichtig wie das Land selbst ist auch die Bevölkerungszahl Chinas. Die heutigen Statistiken sprechen von 650 Millionen. Diese Angabe enthält jedoch nach dem Urteil kompetenter chinesischer Behörden einen Fehler von 100 Millionen. Das ist zweimal soviel wie die Bevölkerung Großbritanniens!

Ebenso unzuverlässig sind die Schätzungen aus dem indischen Raum, die man auf 450 Millionen ansetzt. Die zuverlässigsten Angaben aus dem asiatischen Raum liefert selbstverständlich Japan. Dort wohnen jetzt 80 Millionen Menschen, gegenüber 72 Millionen bei Ende des Krieges. Die Bevölkerungszahl dürfte dort in acht Jahren die 90-Millionen-Grenze überschritten haben. "Es sieht so aus", heißt es in einem englischen Bericht, "als ob die japanischen Babys den Krieg gewinnen werden, den Japans militärische Führer technisch verloren haben."

Unsicher sind auch die Angaben über die "Weltgeburtenrate". Man rechnet, daß fast jede Sekunde ein Mensch geboren wird. Das würde einen jährlichen Zuwachs von etwa 34 318 400 Menschen ergeben. Nach einer anderen Version vermehrt sich die Erde jährlich "nur" um 20 Millionen. Hierauf beruht Dr. Julian Huxleys Prophezeiung von einer Welthungerkatastrophe. Er rechnet nämlich, daß täglich 57 000 Menschen geboren werden. Im ganzen soll sich die Edbevölkerung seit 1939 um 200 Millionen erhöht haben. Unter der Annahme eines ständigen Zuwachses von nur 1 v. H. ergeben sich etwa folgende Zahlen: 1950 –: 2,3 Milliarden; 2020 –: 4,6 Milliarden; 2090 –: 9,2 Milliarden; 2160 –: 18,4 Milliarden.