Da hat nun jahrhundertelang die Schweiz als der demokratische Musterstaat schlechthin figuriert – in unseren Lesebüchern, in unserer Vorstellung und in den meisten politischen Diskussionen. Für viele mag es daher eine Überraschung gewesen sein, anläßlich der Volksabstimmung über das Frauenstimmrecht im Kanton Genf zu erfahren, daß die Schweiz das einzige Land Europas ist, in dem die Frauen kein Stimmrecht haben. Auch diesmal ist der Vorschlag, das Wahlrecht der Frauen einzuführen, wieder abgelehnt worden – obgleich es in Artikel 2 der Allgemeinen Deklaration der Menschenrechte, wie sie von den Vereinten Nationen ausgearbeitet wurden, heißt: „Alle Rechte und Freiheiten... ohne Rücksicht auf Rasse, Religion, Geschlecht...“

Bisher haben alle jene, die bei einem Vergleich mit der Musterdemokratie Helvetia ungünstig abschnitten, sich damit getröstet, daß es so untadelig demokratisch eben nur in einem Staat mit vier Millionen Einwohnern zugehen könne. Und meist sprach man dann weiter über die Demokratie der griechischen Stadtstaaten, den Begriff der polis... Über all diesen gescheiten Betrachtungen vergaß man ganz, daß die Schweiz der einzige Staat in Europa ist, in dem die Frauen nicht wählen dürfen. Vielleicht aber ist das am Ende der Grund dafür, daß sie auch der einzige Staat ist, in dem die Demokratie nun wirklich vorbildlich funktioniert? Solange nämlich die Männer, die an der Macht sind, in dem einen Interesse vereint sind, ungeteilt diese Herrschaft zu behaupten, ist wenigstens eine gewisse Garantie für Beständigkeit gegeben. Dff.