In memoriam Prag

Luftlöcher gibt es nicht nur in der atmosphärischen Erdhülle, sondern auch in der literarischen Tradition, die ja die Atmosphäre ist, in der sich die Dichter bewegen. Nur wer sich selbst täuscht, kann annehmen, daß es jemals möglich wäre, sich die Vergangenheit als kontinuierlich vor das eigene Bewußtsein zu bringen und, also, genau zu wissen, woher man kommt. Zwar macht die Literatur so wenig Sprünge wie die Natur, aber aus einem gewissen. Zeitabstand nimmt es sich doch immer wieder so aus, als habe irgendwann einmal ein Dichter ganz ohne Vorgänger und gleichsam aus dem Nichts die Welt für sich entdeckt. Das ist aber meist ein Irrtum und nur die Folge davon, daß man nicht mehr weiß, in welcher Welt dieser Dichter aufgewachsen war, bevor er zu dichten anhob. Diese Welt ist ein Luftloch der Tradition geworden, ein scheinbares Nichts, in das die Kritiker leicht abstürzen.

In so einem Zustand der Vergessenheit befindet sich für viele heutige Literaten die Traditionskette, deren erstes Glied E. T. A. Hoffmann heißt und deren kulturgeographischer Ort Böhmen war – genauer: Prag, die tschechisch-deutsch-jüdische Stadt, in der sich drei Kreise der Überlieferung schnitten: die hussitische, aller Anpassung abholde, die josefinische, auf klare Form bedachte, und die kabbalistische, dem Unheimlichen und Unergründlichen zugewandte. Hier mußte Hoffmann, der störrische Einzelgänger, der klassisch schlichte Erzähler, der Erforscher der seelischen Grenzzustände, Söhne und Urenkel finden. Die Offenbarung des Verborgenen, die Verknüpfung der Einzelseele mit den kosmischen Mächten, die Spaltung des Menschen in Tag- und Nachtexistenzen, die übersinnliche Realität von Wunsch, Traum und Trance – der ganze Horizont von Hoffmanns Ahnungen deckte sich mit der Essenz des Prager Lebensgefühls, und die geradezu rationale Durchsichtigkeit des Erzählerstils stützte die aufgeklärte Komponente des Prager Geistes.

Wer dies bedenkt, wird nicht an das Bild glauben, das sich die literarische Welt seit 1945 von Franz Kafka macht: das Bild des einsamen Vorahners gegenwärtiger Angstkomplexe, der wie ein Bote vom Jenseits zu Harthörigen sprach. Mindestens ebenso richtig ist die gegenteilige Behauptung: daß Kafka ein Prager Urenkel E.T.A. Hoffmanns war, und daß man seine Besonderheit nur erfassen kann, wenn man ihn in dieser Familie sieht. Er ist, zudem, nicht der einzige’Urenkel. Von seinen Vettern wären Kubin, Meyrink, Musil und auch Werfel zu nennen, und fast wie seine Brüder – wenn auch ungleiche – wirken sein nächster Freund Max Brod und der Autor, von dessen neuestem Werk hier die Rede sein soll: Leo Perutz.

Perutz, ein Jahr jünger als Kafka, 1884 in Prag geboren, sollte in Deutschland bekannter sein als er ist – gerade bei den Jüngeren. Die Älteren erinnern sich wohl noch an die „Dritte Kugel“ und andere brillante Studien in der Manier von Hoffmanns berühmtestem, in Prag wirksam gewordenem Sohn Edgar. Allan Poe, denen sich im Prag von 1935 noch „St. Petri Schnee“ (nun wieder bei Zsolnay erschienen) anschließen konnte. 1938 stand Hitler vor den Toren Prags, und Perutz ging ins Exil nach Tel Aviv. Ins Exil? So muß man es wohl nennen, wenn man den Roman aus dem alten Prag liest, den er dort in deutscher Sprache geschrieben hat und den nun die Frankfurter Verlagsanstalt herausgebracht hat: „Nachts unter der steinernen Brücke“ (240 S., Leinen 6,80 DM).

Dort in Israel ist Perutz noch einen Schritt hinter Poe zurückgegangen, auf E. T. A. Hoffmann selbst. Bei dem Stifter der Tradition hat er die Elemente für das literarische Denkmal gefunden, das er dem Prager Ghetto setzt (er selbst hat um 1900 noch gesehen, wie die „Judenstadt“ abgebrochen wurde), und er hat sie, modern zwar, doch abermals klassisch verarbeitet. Wie sich aus einem Kranz von Novellen unmerklich die innere Form eines Romans bildet, kann an den „Elixieren des Teufels“ studiert werden (nur tut das bei uns niemand mehr). Perutz tat es und fügte die filmische Methode des Rück- und Vorblendens hinzu. Der Leser freut sich zunächst an fünf oder sechs Novellen aus dem Prag zur Zeit von Grillparzers Lieblingskaiser Rudolf II. – bis er gewahr wird, daß er eb’en die ersten fünf oder sechs Kapitel eines Romans gelesen hat. Immer tragen Randfiguren der Fabel, tschechische, jüdische, deutsche, die Fabel der Novellen und umkreisen – die Zeitenfolge wird scheinbar willkürlich durcheinandergewürfelt – die beiden Hauptgestalten, von denen ganz allmählich, Kapitel um Kapitel, Schleier fortgezogen werden: den Kaiser, der vor der Macht weg und hinter dem Geld (für seine Kunstsammlungen) her läuft, und den Juden Mordechai Meisl, dem das Geld nach- und das Glück wegläuft, weil Wandel und Tod seiner jungen, schönen Frau für ihn Geheimnis bleiben. Als er aber glaubt, es zu erkennen, als er meint, die schöne Esther sei heimlich Rudolfs Mätresse gewesen, und aus Rache den Kaiser um das Vermögen prellt, das er ihm zugesichert hat, da wird zwar Rudolf so arm wie er, und nur die Judenstadt hat ein vornehmes Armenhaus (das von Meisl’s Geld erbaut ist) – aber die Vergeltung ging fehl. Denn Esther und Rudolf haben einander allnächtlich nur als Träumende in den Armen gehalten –

Wunschtraum, der Weltgeschichte macht, Gedankensünde, die einem ganzen Reich Unheil bringt, – welch großartige Anknüpfung an Hoffmanns Erzählungen! Aber eins hat der Urenkel vor dem Ahn voraus: er kann die Leute sprechen lassen, wie ihnen der (böhmische, dreisprachige) Schnabel gewachsen ist, und der jüdische Schwank ist bei Perutz immer ganz nahe am Mysterium. C. E. L.