Das reinigende Gewitter in der FDP ist niedergegangen. Wird es bei dem einen Blitzschlag bleiben? Zum mindesten dürfte der Fall des Hauptgeschäftsführers Döring vom Landesverband Nordrhein-Westfalen noch ein Nachspiel haben. Wenn wir richtig informiert sind, enthielt das Kommunique des Bundesvorstandes vor seiner Veröffentlichung einen schweren Vorwurf gegen Döring. Es zweifelte nämlich daran, ob Döring gegenüber dem Landesvorstand loyal gewesen sei. Dem Landesvorstand von Nordrhein-Westfalen wurde in diesem gestrichenen Teil des Kommuniqués aufgetragen, die Angelegenheit gründlich zu prüfen und gegebenenfalls notwendige Folgerungen zu ziehen. Die Verbindung Dörings zum Naumann-Kreis scheint also enger gewesen zu sein, als es Döring wahr haben will.

Middelhauve wurde in der Öffentlichkeit merklich geschont. In dem Kommuniqué des Bundesvorstandes wird der Vorwurf ungenügender Wachsamkeit gegenüber untreuen Kräften in der Partei zwar gegen den Landesvorsitzenden wie gegen den Landesvorstand von Nordrhein-Westfalen in seiner Gesamtheit erhoben, aber man hat den Eindruck, daß diese Ausdehnung der Kritik mehr zur Schonung Middelhauves vorgenommen wurde, als daß sie der Meinung sämtlicher Verfasser des Kommuniqués entsprach. Sicherlich wurde Middelhauves Vertrauen mißbraucht. Aber zum mindesten in einigen Fällen kann man über das Gelingen dieses Vertrauensmißbrauchs nur den Kopf schütteln. Eine Prüfung der hauptamtlichen Mitarbeiter ergab, daß sich unter ihnen eine stattliche Zahl von Personenbefand oder noch befindet, die im Nationalsozialismus hohe Ränge eingenommen hatten. Wilke war hauptamtlicher HJ-Führer und als solcher in das Auswärtige Amt berufen worden, Zoglmann war SS-Obersturmführer und HJ-Gebietsführer in der Reichsjugendführung, Jäckel Hauptgeschäftsführer in der Reichsarbeitskammer, Dr. Brandt persönlicher Referent und Londoner Beauftragter von Konrad Henlein, Marks SS-Standartenführer und so weiter. Sollte das alles dem Landesvorsitzenden unbekannt geblieben sein? Handeln nicht die hauptamtlichen Mitarbeiter im Auftrag des Landesvorstandes, der ihnen überdies eine, verglichen mit den niederen Rängen, exorbitante Bezahlung gewährt? Es werden Gehälter bis zu 1600 DM im Monat gezahlt. Wahrscheinlich hat Middelhauve die konspiratorischen Beziehungen seines nächsten Mitarbeiters Diewerge, von dem er sich so schwer und erst nach wiederholten nachdrücklichen Vorstellungen der Bundesparteileitung trennte, zum Naumann-Kreis nicht gekannt. Aber es spricht nicht gerade für eine Begabung zum politischen Führer, wenn man sich so düpieren läßt. Auch führte Middelhauve, entgegen einem Beschluß des Gesamtvorstandes der FDP, Fusionsverhandlungen mit Vertretern der Deutschen Partei. Man hätte wohl kaum über all diese Vorgänge so milde hinweggesehen, wenn wir nicht unmittelbar vor dem Wahlkampf stünden.

Der Bundesvorstand hofft, mit dem Ausschluß Achenbachs, über den nun der Landesehrenrat von Nordrhein-Westfalen beschließen wird und gegen den es noch eine Berufung an den Bundesehrenrat gibt, sei nunmehr unter die Säuberungsaktion ein Schlußstrich gezogen. Achenbach soll durch die Tagebuchaufzeichnungen Naumanns so schwer belastet sein, daß der Parteileitung nichts übrigblieb, als sich von ihm zu distanzieren. Er dürfte von sämtlichen Parteiämtern suspendiert werden, wenn er sie nicht auf Grund des Bundesvorstandsbeschlusses vom Sonntag von sich aus zur Verfügung stellt. Achenbach hat zwar in Abrede gestellt, daß er gegenüber Naumann die Initiative zur Unterwanderung der FDP durch Nationalsozialisten ergriffen habe. Aber die Mitglieder des Untersuchungsausschusses konnten offenbar durch seine Darstellung nicht überzeugt werden.

Wenn das Kommuniqué des Bundesvorstandes feststellt, daß die FDP nicht unterwandert worden sei, so ist das insofern richtig, als die zum Teil bereits durchgeführte, zum Teil beabsichtigte Unterwanderung, die vor allem auf das Funktionärtum gerichtet war, noch rechtzeitig unterbunden werden konnte. Daß in Nordrhein-Westfalen, und nicht nur dort allein, Pläne bestanden, die FDP in eine Richtung zu drängen, wie sie Naumann sicherlich behagt hätte, steht außer Zweifel.

Jetzt bleiben noch die Schwierigkeiten in Niedersachsen. Dort scheint vor allem der Geschäftsführer des Landesverbandes, Hüsgen, durch seine Beziehungen zum Naumann-Kreis belastet zu sein. Mit diesem Fall dürften sich, wie man hört, die obersten Partei-Instanzen noch befassen. Robert Strobel