Filmdokumente „Lieber Leierkastenmann“

Die kleinen Jöhren wissen det schon jar nidi mehr, wie schön Berlin mal jewesen is.“ Was sind das für Töne im dunklen Kinoraum? Damit sie es nämlich erfahren und damit die Älteren nicht vergessen, was Berlin einmal war und was es wieder werden soll, läuft jetzt in den Kinos Westdeutschlands ein viertelstündiger Berlin-Film an: „Lieber Leierkastenmann“.

Dieser alte Leierkastenmann mit dem ein bißchen gütigen, ein bißchen melancholischen Berliner Gesicht, der mit seiner Musikmaschine durch die Trümmer- und Asphaltstraßen zieht, läßt durch seine Erinnerungen die alten Bilder wieder erscheinen: Berlin vor 25 Jahren, als das Brandenburger Tor noch ein Tor war und kein Eiserner Vorhang; wenn man in aller Gemütsruhe durchfuhr, fand man sich nicht im Ostsektor wieder, sondern Unter den Linden. Der Kaiser taucht auf und der Hauptmann von Köpenick, der Potsdamer Platz und die ersten Automobile, schneidige Soldaten und im Leierkasten zackige Märsche. „Und det in der Welt wat faul war, det ham wa erst jemerkt, als et schon zu spät war“, erinnert sich beschämt der Leierkastenmann. „Und uff eenmal war’s mit allem zu Ende: mit der Arbeit und mit’m Kaiser und der alten Berliner Jemütlichkeit.“

Die „Neue deutsche Wochenschau“, die aus Archivmaterial die Bilder eindrucksvoll zusammengestellt hat, läßt hier in bedrängender Folge die Soldatenräte, Spartakisten und Raffke, den Inflationsschieber, vorüberziehen. „Nach der Inflation war’n wa plötzlich arm wie die Kirchenmäuse“, hebt der Leierkastenmann seine Geschichte wieder an, „nur zwee große Künstler konnten aus unsern Milljöh noch wat herausholen, weil se’n Herz dafür hatten: Heinrich Zille und Käthe Kollwitz.“ Man sieht sie und ihr mit wahrer Menschenliebe gezeichnetes Milljöh, man sieht die ersten Filmgrößen in Berlin: Asta Nielsen, Greta Garbo, Paul Wegner, Ralph Artur Roberts. Man sieht den „Eisernen Gustav“, den Droschkenkutscher, der bis Paris durchfuhr und eine stadtbekannte Erscheinung wurde, „sozusagen als Vorkämpfer des europäischen Gedankens“. Und „Masurenpaule“, Feldmarschall Paul v. Hindenburg, „dem alten Herrn hatten se ’ne schwere Last uffjebürdet“, kommentiert der helle Berliner Leierkastenmann. Ja, in Berlin wurde die Politik ausgetragen. „Plötzlich is die glorreichste Zeit unserer Jeschichte über uns hereingebrochen und hat uns det dritte Reich beschert, weil uns det noch jefehlt hatte“: Goebbels taucht auf bei einer seiner großen Tiraden und Hitlers Photographie mit einem Gesicht wie eine Ratte. „Die Achse Berlin–Rom haben se jeschmiedet, eenen Vierjahresplan ham se jeschmiedet und dann ham se Sprengkörper jeschmiedet und die janze Jeschichte in die Luft jejagt.“ Berlin als Kriegsschauplatz wird darauf von der russischen Seite aus russischen Wochenschauen gezeigt.

Und dann: „Berlin jab et nich mehr, und die Berliner nur noch, in Notausgabe...“ Das ist der Augenblick, wo wir im Kino erregt die Luft anhalten, wenn wir die Berliner und uns wiedersehen, diese Elendsgestalten aus dem Jahre 1945, die halbverhungert, zerlumpt zu schippen und Steine zu klopfen begannen, um sich wieder ein Dach über dem Kopf zu bauen. Nicht unterzukriegen sind sie, die Berliner.

„Die Besatzungsmächte war’n ooch keineswegs müßig. Sie fanden Berlin so jroß, det man jleich zweie draus machen konnte. Jedem sein eijenet Berlin“, mit „Herz und Schnauze“, wie man den Berliner kennt, begleitet die ruhige Berliner Stimme die Bilder: Nach dem Schwarzmarkt und der alliierten Wachablösung in Spandau, die Luftbrücke und den Kurfürstendamm im neuen Lichterglanz.

Berlin ist in den Augen der Berliner wieder ganz schön, und die Hoffnung bleibt, daß es wieder wird, was es war. Da dieser Film von Berlin nur aus vorhandenen Filmdokumenten gemacht werden konnte, gibt er kein vollständiges Bild, aber das, was wir sehen, hat tatsächlich stattgefunden, und wir werden noch einmal Augenzeugen von Ereignissen vergangener, nicht immer großer, aber dann guter Zeiten. Die warmen berlinischen Begleitworte (Text Dieter Ertel) machen die Sehnsucht nach der vitalen Weltstadt Berlin, die einmal Deutschlands Mittelpunkt war, wieder ganz wach. EM