Über die ansteigende Not in der sowjetischen Besatzungszone, der man – durch rücksichtslose Herabsetzungen der Zuteilungen und Preiserhöhungen – vergeblich Herr zu werden versucht, schreibt uns das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin;

Unter dem Motto der „Hebung des Lebensstandards“ wurden in der sowjetischen Besatzungszone im Laufe des April 1953 die Punktkarten für Textilien (mit Ausnahme für Säuglingsausstattung) abgeschafft, und die Verteilung der Lebensmittelkarten für bestimmte Personenkreise und Kartengruppen aufgehoben, die Werkküchenverpflegung verdoppelt, sowie im Rahmen der Vereinheitlichung des Preisniveaus einige Preisveränderungen für Lebensmittel und Textilien vorgenommen. Diese allmähliche Aufhebung des Kartensystems und Vereinheitlichung des Preisniveaus – Maßnahmen, die in Westdeutschland 1948/49 Zeichen einer Verbesserung der allgemeinen Versorgungslage und Steigerung des Lebensstandards bei gleichzeitiger Einführung des freien Marktes waren – widersprechen nur scheinbar den Mitteilungen über die drohende Versorgungskrise in der SBZ. In Wirklichkeit verdecken sie lediglich die Versorgungsschwierigkeiten, die Veränderungen in der Zuteilungsmethode erfordern.

Seit Mai 1953 werden etwa 10 v. H. der Bevölkerung von der Versorgung mit den durch Lebensmittelkarten zu beziehenden hochwertigen Grundnahrungsmitteln ausgeschlossen. Es handelt sich dabei um Personen einschließlich Familienangehörigen (außer Kindern unter 15 Jahren), die ihren „wesentlichen Lebensunterhalt“ aus selbständigem Einkommen aus Hausbesitz (Eigenheimbewohner ausgenommen) und Besitz oder Pacht von Industrie- und Gewerbebetrieben sowie landwirtschaftlichen Betrieben bestreiten, ferner um die Ostberliner, die ihr Einkommen in Westberlin beziehen.

Dieser Personenkreis ist jetzt gezwungen, nicht mehr nur den die Kartenrationen übersteigenden Zusatzbedarf, sondern den Gesamtbedarf an hochwertigen Grundnahrungsmitteln mit den bei der staatlichen Handelsorganisation angebotenen „freien“ Waren, deren Preise durch Akzisen stark belastet sind, zu decken. Praktisch bedeutet dies, daß für die Rationsmengen, die den Mindestbedarf darstellen, nun nicht mehr 7,92 DM-Ost wie bisher, sondern 32,30 DM-Ost aufgewendet werden müssen. In Westdeutschland würden für die gleiche Lebensmittelmenge nur 9 DM-West zu bezahlen sein.

Würde eine vierköpfige Familie in der SBZ die gleiche Lebensmittelmenge im Monat verbrauchen wollen wie eine westdeutsche Familie, die (angenommen) etwa 160 DM-West für ihre Ernährung und 300 DM-West für ihren gesamten Verbrauch ausgibt, so müßte sie ab Mai dieses Jahres fast 320 DM-Ost statt bisher 240 DM-Ost bezahlen. Das ist doppelt so viel, wie die westdeutsche Durchschnittsfamilie braucht. Für die gleichen Mengen an Gütern und Diensten, die diese Familie für ihren gesamten Lebensunterhalt aufwendet, müßte in der SBZ mindestens ein Einkommen von 600 DM-Ost verdient werden.

Die weitreichende Bedeutung dieser Anordnung ist jedoch erst vollkommen zu ermessen, wenn man berücksichtigt, daß bei der HO seit Monaten weder Butter noch Margarine zu kaufen sind, Zucker, Fisch und Fleisch unregelmäßig oder in beschränkten Mengen abgegeben werden und nur Wurst noch ausreichend angeboten wird. Es genügt also nicht, daß die von der neuen Verordnung betroffenen Personen mehr Geld für ihre Ernährung aufwenden, sie müssen sich vielmehr, wenn das Lebensmittelangebot bei der HO in den nächsten Wochen für sie nicht reichlicher wird – was nicht zu erwarten ist –, ihre eigenen Bezugsquellen für die Beschaffung ihrer Grundnahrungsmittel suchen. Die allgemein bestehenden scharfen Kontrollen werden allerdings eine Selbsthilfe erschweren.

Zur Erfüllung des gegenwärtig wichtigsten Zweckes der angeführten Maßnahmen – zur Einschränkung der Versorgungsverpflichtungen der Regierung – mußten diesmal auch einige der bisher stets privilegierten Bevölkerungskreise, die sogenannten Intelligenzler, eine Schmälerung ihrer Ansprüche und eine gewisse Erhöhung ihrer Lebenshaltungskosten hinnehmen. Der Entzug ihrer „IN-Sonderzusatzkarten“ verursacht z. B. – vom Verbrauch einer vierköpfigen Familie aus berechnet – eine Erhöhung der Ernährungskosten um 10 bis 15 v. H. Im Gegensatz zur erstgenannten Personengruppe wird für sie jedoch eine gewisse Entlastung dadurch geschaffen, daß sie bevorzugt von besonders für sie zu errichtenden Läden oder durch Abschluß von Einzellieferungsverträgen mit den Handelsorganen beliefert werden sollen. Über Preise und Art des Warenangebots bei diesen Sondergeschäften ist allerdings noch nichts bekannt. Ferner gehört die „schaffende Intelligenz“ zu den 2,5 Millionen Werktätigen, für die die Rationen des Wercküchenessens ab Mai verdoppelt worden sind und für die z. B. nun die Fleischrationen je Kopf und Arbeitstag je nach der Gruppe 50 bis 140 g betragen werden. – Für die übrigen Werktätigen und die sonstige Bevölkerung ist dagegen gleichzeitig eine strenge Überprüfung der allgemeinen Lebensmittelkarteneinstufungdurch „Arbeiterkontrollausschüsse“ angekündigt worden, die Rückstufungen erwarten läßt. – Außerdem wurden im Rahmen der allmählichen Schaffung eines einheitlichen Preisniveaus die Preise für Süßwaren sowie für rationiertes Fleisch und für Fleisch waren um 10 bis 15 v. H. im Durchschnitt erhöht.