Von Franz Nusser

Am Vorabend des Krönungstages der Königin Elizabeth 11. kam die Kunde von der geglückten Erstbesteigung des höchsten Berges der Erde, des Mount Everest. Zwei Menschen, der Neuseeländer Hillary, der von Königin Elizabeth II. für seine Tat geadelt wurde, und der Sherpa Tensing Bhutia standen am 29. Mai als erste Menschen auf dem winzigen Punkte, der die ganze Oberfläche der Erde überragt und dadurch so einmalig ist wie der Nordpol und der Südpol.

Mit dieser ersten Besteigung fand ein ungefähr siebzig Jahre langes Sehnen seine Erfüllung. Zwar wurde erst im Jahre 1921 der erste ernst zu nehmende Versuch unternommen, aber schon vorher tauchten von Zeit zu Zeit Pläne auf, den Mount Everest zu bezwingen. Siebzig Jahre langes Sehnen nach dem höchsten Gipfel der Erde! In unserer raschlebigen Zeit mag das lange erscheinen. Bedenkt man aber, daß in Europa schon im 18. Jahrhundert mit der Besteigung des Mont Blanc durch den französischen Naturforscher Saussure der Alpinismus einsetzte und daß im Laufe des 19. Jahrhunderts alle wichtigen Gipfel der Alpen erstiegen wurden, dann ist die Zeit vom ersten Willen zur Besteigung des Mount Everest bis zur Erfüllung dieses Wunsches kurz. Al et es ist nicht ohne weiteres möglich, die Alpen mit dem Himalaya zu vergleichen.

Wer nur die Alpen kennt, kann sich die Riesen des Himalaya kaum vorstellen. Steil und gewaltig steigen die Himalayagipfel aus den feucht-heißen Tälern voll tropischer Vegetation hoch in die Regionen des ewigen Schnees. Allein vierzehn Gipfel übersteigen die Achttausendmeterhöhe, von denen bisher nur zwei erstiegen wurden. Fast zweihundert Gipfel ragen noch über siebentausend Meter empor, Die Zahl der Sechstausender zählt schon nach Hunderten. Alle Maßstäbe sind in diesem Gebirge gewaltiger als in irgendeinem anderen der Erde. Die Bergflanken, mit geriffelten Eispanzern verkleidet, erreichen eine Steilheit, die den in den Alpen groß gewordenen Bergsteigern ungewohnt sind. Die scharfen Grate steilen jäh auf und geben Einblick in tief unten liegende schmale Schluchten und gewaltige Durchbruchstäler. Alle diese Formen legen Zeugnis davon ab, daß das Gebirgssystem des Himalaya jünger ist als unsere Alpen und daß der Hebungsvorgang noch andauert.

Die Steilheit der Wände vervielfacht die Gefahren. Der Schnee auf den steilen Flanken und de Gletscher auf dem stark geneigten Untergründe haben nur wenig Halt. Ständig bedrohen Lawinen und Eisstürze die Bergsteiger. Und selbst die Grate mit labilen Eistürmen oder weit auslangenden Wächten besetzt, geben nicht die sonst gewohnte Sicherheit.

Die Sonne, im allgemeinen in diesen eisigen Höhen als Wärmespender freudig begrüßt, birgt neue Gefahren und verlangt besondere Vorsicht. Ihre steil einfallenden Strahlen verursachen in der klaren ungetrübten Luft bald fürchterlichen Sonnenbrand, das stark reflektierte Licht Schneeblindheit. Die geringste Unachtsamkeit kann verheerende Folgen haben. Taucht dann am Abend die Sonne unter die westlichen Berggipfel, sinkt die Temperatur rasch tief unter den Gefrierpunkt. Mit unglaublicher Schnelligkeit kann sich das Wetter ändern. Urplötzlich setzen mit elementarer Wuch: die Wetterstürze ein, wirbeln die Massen von Lockerschnee auf, und hüllen alles in ein undurchdringliches Chaos von Weiß.

Aber weder die Steilheit des Geländes noch die dadurch bedingten Gefahren bereiten die größter Schwierigkeiten, sondern die absolute Höhe des Gebirges. Mit zunehmender Höhe wird die Luft dünner und dadurch ärmer an atembarem Sauerstoff. Es gibt Menschen, die schon bei viertausend Meter Höhe unter dem Sauerstoffmangel leiden.