"Gewerkschaftsführer haben es im Grunde genommen sehr einfach. Im Wirtschaftsauf schwung pflegen sie ihre Lohnforderungen auf die hohen "Profite" der Unternehmungen zu stützen. Steigen die Preise, dann müssen die Löhne den Lebenshaltungskosten angepaßt werden. Fallen • die Preise dagegen in Zeiten rückläufiger Konjunktur, dann bedarf es erst recht höherer Löhne, um den Verbrauch zu stützen, die Wirtschaft wieder zu beleben und den allgemeinen Wohlstand zu fördern."

So zu lesen im "Arbeitgeber", in einer Glosse unter dem Titel "Kaufkrafttheorie – in neuer Auflage" (Heft 9 vom 1. Mai). Das Blatt fügt hinzu, daß alle diese Argumente im Laufe der letzten Jahre tatsächlich vorgebracht worden seien: abwechselnd, wie es eben den jeweiligen Wechsellagen des Wirtschaftsablaufs (oder der jeweils "geglaubten" Konjunkturlage) entsprach. Gegen Ende letzten Jahres habe z. B. der DGB noch mit der sogenannten Kaufkrafttheorie operiert, über die es freilich, außerhalb des Leserkreises der "Welt der Arbeit", mittlerweile wohl nur eine Meinung gebe: nämlich, daß es sich dabei um einen höchst gefährlichen Trugschluß handelt. Um so erstaunlicher sei nun, wie die Zeitschrift der "Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände" weiter ausführt, daß jene Theorie, die man bereits abgetan glauben konnte, neuerdings wieder vom Münchner Ifo-Institut aufgenommen worden sei. Das Institut hatte nämlich in einem seiner letzten Konjunkturberichte festgestellt, daß sich die Masseneinkommen aufs Jahr gerechnet um rund 3,8 Mrd. DM erhöhen würden. Im einzelnen wurde verwiesen auf die Auswirkungen der "Kleinen Steuerreform", die Anhebung der Beamtengehälter, die höheren Sitze der Sozialrenten, die "verbesserten Leistungen" (sprich: mehr konsumtive und weniger produktive Auszahlungen) im Lastenausgleich und "vor allem" auf die Tariflohnerhöhungen, über die z. Z. verhandelt wird, und durch die – im Falle der Bewilligung – sich das Einkommen aus Löhnen und Gehältern um 2 Mrd. DM im Jahr erhöhen würde. Damit wäre, wie Ifo mit einem deutlich hörbaren Seufzer der Erleichterung feststellt, "den Konsumgütermärkten die Stütze gegeben-, die sie brauchen, um die Produktion auf ihrem hohen Stand zu halten." Freilich sagt das Institut im gleichen Bericht, daß "bei der derzeitigen Wirtschaftslage" irgendwelche Lohn- und Gehaltssteigerungen kaum "durch Kreditaufnahme" zu finanzieren seien – womit es zugibt, daß also der "Ausweg" in eine Kreditausweitung, d. h. letztlich in die Inflation, jetzt versperrt ist – sondern überwiegend durch "Einsparungen zu Lasten des Unternehmerkonsums und auch der Investitionen" aufgebracht werden müßten ... Also es lebe die Verbrauchsgüterkonjunktur – was schert uns die Investitionsgüterkonjunktur!

Damit wären nun die Dinge wieder einmal gründlich auf den Kopf gestellt. Bisher waren die Konjunkturpolitiker aller Richtungen, also auch und gerade diejenigen der dirigistischen Richtung, (wie ja überhaupt "aktive" Konjunkturpolitik und Dirigismus aus der gleichen geistigen Wurzel sprießen ...) sich darüber einig, daß den Investitionen der Vorrang gebühre. Jetzt soll – die Wissenschaft schreitet eben unablässig fort, um mit Chesterton zu spotten – das Gegenteil richtig sein; all das, was über die "multiplikativen Wirkungen" der Investitionsausgaben und über ihre sonstigen segensreichen Wirkungen orakelt worden ist, gilt nicht mehr.

Nun haben wir an dieser Stelle, wieder und wieder, solange es notwendig erschien, die tiefsinnigen Spekulationen der Keynes-Jünger verspottet, wonach ein bestimmter Betrag, zur Erstellung Ton Anlagewerten verwandt, "multiplikativ" wirken soll, und haben demgegenüber immer wieder vor einer Unterschätzung der Anregungen gewarnt, die ein wachsender Verbrauch – vorausgesetzt, daß er solide finanziert ist – auf die Konjunkturentwicklung ausüben kann: der Verbrauch ist ja nicht nur der Endzweck, sondern auch der Motor allen Wirtschaftens! Insofern können wir also mit dem besten Gewissen der Welt den grundsätzlichen Streit über die Vorrangstellung von Konsumtion oder Investition auf sich beruhen lassen. Viel wichtiger ist . die Frage, ob gegenwärtig, in der heute gegebenen Situation also, hic et nunc, die Verbrauchsgüter- oder die Investitionsgüterseite unserer Volkswirtschaft eine besondere Anregung braucht. Diese Frage ist wohl eindeutig zu beantworten. Wenn nun auch, wie die jetzt endlich für April vorliegenden neuesten (!) Zahlen zeigen, die Investitionsgüter-Industrien in ihrer Erzeugung und (noch stärker) in ihrem Auftragsbestand kräftig nach- und aufgeholt haben, so bleibt doch wohl der Eindruck, daß sie zur Zeit noch als "besonders förderungswürdig" anerkannt werden müssen. Bleibt zu fragen: wie eine solche Förderung bewerkstelligt werden kann: "marktkonform" natürlich, und nicht bloß dadurch, daß man verlangt, die öffentliche Hand solle "Geld aufnehmen" und zusätzliche Aufträge geben, oder Subventionen bei der Ausfuhr von Anlagen zahlen. Darüber ein andermal mehr.

Zunächst ist wohl noch etwas über die Notwendigkeit und Möglichkeit einer Konjunkturstütze für die Verbrauchsgüterwirtschaft zu sagen. Da die Verbrauchsgüter, im Schnitt, nicht teurer geworden sind, sondern z. T. ganz erheblich billiger( Textilien!) als vor Jahresfrist etwa, während das Masseneinkommen ja im gleichen Zeitraum – durch Mehrbeschäftigung und höhere Löhne, sowie durch höhere Konsumtivausgaben der öffentlichen Hand – bereits einen kräftigen Auftrieb erfahren hat, ist gar nicht einzusehen, weshalb der Konsumgütermarkt noch zusätzlich gestützt werden müßte: an der "Kaufkraft" kann es ja nicht liegen, wenn die Nachfrage für einzelne Branchen – aber doch wohl nicht in toto – geringer sein sollte, als im letzten Frühjahr und Frühsommer; es kann also nur daran liegen, daß die Nachfrage sich auf andere Verbrauchsgebiete verlagert . hat. Gegen solche "strukturellen" Verlagerungen aber helfen keine Pillen, auch keine konjunkturpolitischen Spritzen...

Damit kämen wir zu der auch im "Arbeitgeber" gestellten Frage: ob und wieweit es zweckmäßig sein könne, die Lohnpolitik in den Dienst der Konjunkturpolitik zu stellen. Womit also das Problem angeschnitten wäre: ob, in einer konkreten Situation, höhere Lohnkosten über höhere Preise abgewälzt und weitergegeben werden können – was vielfach nur bei einer gleichzeitigen Absatzschrumpfung möglich sein wird! – oder ob die so bedingte Steigerung eines Kostenanteils der Produktion durch Kürzung anderer Kostenfaktoren (Rationalisierung!) über kurz oder lang aufgefangen und "innerbetrieblich verdaut" werden kann – oder ob sich nun tatsächlich die (von Ifo quasi selbstverständlich als allein mögliche Konsequenz angenommene) Wirkung ergibt: daß den Unternehmern weniger Geld für ihren eigenen Verbrauch und für den notwendigen weiteren Ausbau ihrer Anlagen verbleibt. Da wir – die kräftig wachsenden Beschäftigungszahlen (plus 250 000 im letzten Quartal, plus 662 000 seit Jahresfrist) zeigen das ja – mitten in einer ausgeprägten Mengenkonjunktur stehen (bei gedrückten Preisen freilich, und bei den für diese Situation typischen Klagen über schleppenden Zahlungseingang, "allgemeine Geldknappheit" und "angespannte Liquidität"), entfällt wohl die Notwendigkeit, durch irgendwelche Machinationen die Verbrauchsgüterwirtschaft anspornen zu wollen. Mit Kostensenkungen wird man, wie die Dinge heute liegen, den Notwendigkeiten der Konjunkturstützung besser gerecht. Wenn diese sich noch obendrein in den Verbrauchsgüterpreisen auswirken – abgesehen von den Preisen für die Massennahrungsmittel, die unsere Wirtschaftspolitik ja mit vieler Mühe künstlich zementiert hat – dann ist auch eine Art Lohnstopp vertretbar.

Dabei muß man sich freilich darüber klar sein, daß die Vorteile der "Kleinen Steuerreform", für den einzelnen gesehen, nicht zu Buche schlagen. Gewiß: 800 Millionen – soviel beträgt ja die Entlastung durch die Reform des Einkommensteuertarifs insgesamt – bleiben 800 Millionen, und diese Summe steht für den Mehrverbrauch zur Verfügung, das kann und soll nicht abgestritten werden. Aber wer heute als Lohn- oder Gehaltsempfänger 350 DM im Monat verdient, hat – verheiratet, zwei Kinder – an Lohnsteuer, Notopfer Berlin und Kirchensteuer etwa 12 DM zu zahlen; nach der Reform rund 30 v. H. weniger: macht ganze 3,60 DM. Das ist eben keine fühlbare Entlastung, bei insgesamt rund 47 DM an "Abzügen", die auf der Lohntüte vermerkt sind, wenn monatlich abgerechnet wird; bei wöchentlicher Abrechnung, wo die Abzüge jetzt fast 12 DM betragen und sich künftig nur um 0,90 DM verringern, ist der optische Eindruck womöglich noch kläglicher ... Das wird besonders deutlich, wenn man dagegenstellt, daß ein Arbeiter dieser Lohnstufe wöchentlich mindestens 2,70 oder sogar 3,20 DM als Gewerkschaftsbeitrag zu zahlen hat, und daß für den Angestellten die Sätze ähnlich liegen. So kommt man also zu der Konsequenz, daß auch die "sonstigen Abzüge", jene 10 v. H., die vom Bruttolohn oder-gehalt für die Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung vom Arbeiter und Angestellten gezahlt werden müssen, kritisch unter die Lupe genommen werden sollten: ob nicht auch hier, im Sinne einer "Rationalisierung" und echten Kostenersparnis, Abstriche gemacht werden können. Damit ist ein Thema berührt, das wir in Kürze ausführlich vom Grundsätzlichen her zu behandeln haben werden. Erwin Topf