Trafalgar Square war schon am Montagnachmittag buchstäblich zugewachsen mit lagernden Mengen. Für die Zirkulation der Fußgänger blieb nichts als ein schmaler Pfad, den man nur im Gänsemarsch beschreiten konnte. Ich flüchtete in die Untergrundbahn, um schneller vom Fleck zu kommen: auch dort dichtes Gedränge. Mein Nachbar, ein distinguierter Herr mit Melone auf dem Kopf und roter Nelke im Knopfloch, verwickelte mich sogleich in ein Gespräch. „Nein, er habe keinen seat, er sei offiziell beteiligt, weil er nämlich eine Abordnung der Cambridger Studenten führe. Ein Professor aus Cambridge, der eine fremde Dame in der Untergrundbahn anspricht – da muß schon Krönung sein.

Unfaßlich, wie dieses Volk es fertigbringt, sich zu Millionen zusammenzufinden, ohne in jene moderne Krankheit hysterischer Kollektivekstase zu verfallen. Da waren nun buchstäblich zwischen ein und zwei Millionen Menschen auf einem bestimmten Gebiet des Westend von London zusammengedrängt, in einer seltsamen Stimmung, einer Mischung von Adventismus und Karnevalsfreude. Und jeder benahm sich so, wie ihm zumute war, die einen füllten die Kirchen und gedachter, der heiligen Handlung des kommenden Tages, die anderen zogen vergnügt mit Luftballons und Faschingshüten die ganze Nacht durch die Straßen, vorbei an den nebeneinander lagernden, in Decken und Zeitungen gewickelten Menschen. Und immer wieder schwere Regenschauer und eisiger Wind. Niemand war verdrossen, nicht einmal die Polizisten, die in ihrer hilfreichen, verständnisvollen Art jeden Fremden tief beeindruckten.

Was sagen denn die Kommunisten, fragte ich einen freundlichen, dicken Wachtmeister, der mit einem Minimum von Autoritätsaufwand erfolgreich damit beschäftigt war, neben dem Ritz eine Passage freizuhalten. „Die, die ärgern sich natürlich“, antwortete er. „Da waren vorhin ein paar hier, die standen herum und kritisierten. Aber die Leute haben sie einfach fertiggemacht. Sie sind schließlich unter lautem Gelächter der Nachtlagerer wieder abgezogen.“ Während dieser Unterhaltung entdeckte ich, daß unter den Arkaden des Ritz eine ganze Gruppe von Indern fröstelnd nebeneinander lagerte – ob sie wohl gekommen waren, die Königin zu sehen oder ihren Ministerpräsidenten Nehru? Sie rückten bereitwillig zusammen, denn sie meinten, ich wanderte nur umher, weil ich keinen Platz mehr gefunden hätte.

Ja, die Marxisten! Was sich hier in London am 1. und 2. Juni abspielte, das strafte wirklich ihre Theorie Lügen, nach der es den Menschen nur um wirtschaftliche Dinge geht. Hier wurde es ganz deutlich, daß der Mensch nicht vom Brot und der Ratio allein lebt. Nichts und niemand anderes hätte die Londoner dazu veranlassen können, bei acht Grad über Null vierundzwanzig Stunden und länger zu warten, um dann eine Stunde lang einen glanzvollen Zug vorbei defilieren zu sehen. Für nichts und niemand anderen als für die Königin täten sie das – für eine Königin, die im faktischen Sinne gar keine Macht mehr hat!

Vielleicht ist das gar nicht einmal so paradox. Vielleicht erwächst gerade aus der Skepsis gegen den Kampf um die Macht die Einsicht in die Bedeutung der Kontinuität, die die Krone verkörpert. Vielleicht auch liegt hier mit ein Grund für die geheimnisvolle Liebe zu dieser jungen Königin. Hat sie in ihrer Ansprache nicht gesagt: „Ich weiß hinter mir nicht nur die glänzenden Traditionen und eine mehr als tausendjährige Geschichte, sondern auch die lebendige Kraft und Majestät des Commonwealth ... Aus diesem Grunde bin ich gewiß, daß diese meine Krönung nicht das Symbol einer Macht und eines Glanzes ist, die nicht mehr bestehen, sondern eine Deklaration unserer Hoffnung in die Zukunft.“ Churchill hatte zuvor mit jener Stimme, die aus einem versunkenen Zeitalter heraufzutönen scheint, gesagt: „Ich habe Euer Majestät Urgroßvater, Großvater und Vater gedient und diene jetzt Euer Majestät.“ Und tags darauf: let it not be thought that the age of chivalry belongs to the fast – „laßt den Gedanken nicht aufkommen, die Zeiten der Ritterlichkeit gehörten der Vergangenheit an“. Dieser Appell an die Ritterlichkeit des englischen Volkes, das ist es, was jeder angesichts dieses jungen Wesens empfand, das wie im Märchen an der Seite eines schönen Prinzen in einer goldenen Kutsche durch die Straßen der alten, grauen Stadt fuhr, aus der erst unlängst die Spuren des Krieges getilgt wurden.

Als ich am Morgen nach der Krönung den Hausdiener fragte, ob er die Königin gesehen hätte, sagte er: „Oh, sie ist ein bezauberndes Mädchen“, und er setzte hinzu: „Alles ist in einem so kranken, so verworrenen Zustand; was wir brauchen, ist sanity – Gesundung, Heilung – und wissen Sie, ich denke, sie wird uns die Liebe bringen, die die Welt so nötig hat.“

Sehr anders übrigens war Königin Victoria zu Beginn des 19. Jahrhunderts „zur Macht“ gekommen. Als der Lordkanzler und der Erzbischof von Canterbury nach dem plötzlichen Ableben Wilhelms IV., ihres Onkels, der Achtzehnjährigen verkündet hatten, daß sie nun Königin sei, war eine ihrer ersten Handlungen, ihr Bett aus dem Zimmer der Mutter, einer spartanisch strengen, thüringischen Prinzessin, herausstellen zu lassen. Im Verlauf eines sich an diese Eigenmächtigkeit anschließenden Wortwechsels sagte die Mutter: „Du scheinst nicht zu wissen, wer ich bin.“ „Doch“, war die Antwort, „meine Untertanin.“