Von Kurt Hass

Seit Jahren wird in Deutschland die Schule, insbesondere die höhere Schule, immer wieder in einen Meinungsstreit hineingezogen, der die ruhige und gewissenhafte Arbeit der Lehrer und der Schüler stört und Unsicherheit in weite Kreise der Bevölkerung trägt. Bemerkenswert ist, daß dieser Streit nicht von den Eltern verursacht wird, sondern von Parteien und Berufsgruppen, die ihre besonderen Ziele verfolgen, Ziele, die selten pädagogisch bedingt sind und unter dem Namen „Schulreform“ verkündet werden.

Wie es scheint, beschäftigt die Schulreformer vor allem die höhere Schule, wenn sie es auch nicht sagen. Warum? Was kann man ihr vorwerfen? Vor vielen Jahren konnte man sie ablehnen, weil sie eine Standesschule war. Aber heute? Nach diesem Krieg und der gewaltigen sozialen Umschichtung, die ihm folgte? Nein, eine Standesschule gibt es nicht mehr! Aber nun heißt es, die höheren Schulen seien zu groß, der Zustrom zu ihnen sei zu stark, die Volksschule werde zu sehr ausgepowert. Und manche fordern, der Staat solle eingreifen und nur einer beschränkten Anzahl das Tor zur höheren Schule öffnen.

Soll der Staat das wirklich tun? Soll er festlegen, wieviel Kinder jeder Schulart zugeteilt werden, oder soll er die Eltern entscheiden lassen, für welche Schule sie ihre Kinder anmelden wollen, und soll die aufnehmende Schule dann prüfen, ob das Kind geeignet ist? Soll der Staat also mit der Einsicht der Eltern rechnen, oder soll er handeln, ohne zu fragen?

Gewiß sind die höheren Schulen durchweg zu groß geworden, und jeder Direktor und jeder Studienrat würde sich freuen, wenn die Schülerzahl sinken würde. Aber sie kann nicht sinken, es sei denn, man wendete Gewaltmittel an. Man bedenke doch, daß heute mehr Menschen in Westdeutschland leben als vor dem Kriege, in manchen Bezirken doppelt soviel, und man bedenke vor allem die starke soziale Veränderung. Während früher nur die finanziell bessergestellten, die sogenannten gehobenen Schichten ihre Kinder auf die höhere Schule schickten, sind seit dem ersten Weltkrieg und besonders in den letzten zwanzig Jahren die Arbeiter, besonders die Facharbeiter, und die Handwerker bestrebt, ihren sozialen Aufstieg in einer besseren Schulbildung ihrer Kinder auszudrücken. Widerstände überwanden sie mit dem Hinweis auf ihr Elternrecht, und in „wenigen Jahren war ihnen dieses Elternrecht zur Elternpflicht geworden. Auch ungelernte Arbeiter und vor allem Beamte und Angestellte mit geringem Einkommen melden ihre Kinder in der höheren Schule an.

Die ehemals Wohlhabenden sind heute meistens verarmt und achten deshalb darauf, daß ihre Kinder die höhere Schule besuchen, weil das erstens ihrer Tradition und ihrer Bildungsstufe entspricht und weil sich zweitens nach den beiden Weltkriegen erwiesen hat, daß der Wert einer guten Schulbildung unverlierbar ist, daß alles andere in einer Stunde vernichtet sein kann, nicht aber der geistige Besitz. Aus dieser Erkenntnis heraus versuchen solche verarmten Eltern, ihre Kinder auch dann auf der höheren Schule zu halten und zur Reifeprüfung führen zu lassen, wenn die wirtschaftliche Lage zu einer zeitigen Berufsausbildung drängt.

Voraussetzung ist natürlich in allen diesen Fällen, daß die Kinder begabt sind und die Erwartungen der Eltern nicht zu enttäuschen brauchen. In der Tat verfügt das deutsche Volk über viele Begabungen, und die Frage, ob die Zahl der begabten Kinder heute etwa größer sei als früher, kann mit dem Hinweis auf die Förderung, die jetzt allen Begabten zuteil werden soll, beantwortet werden. Heute brauchen die Eltern in der Regel keine großen Erwägungen mehr anzustellen, wenn sie überlegen, ob ihr Kind die höhere Schule besuchen soll. In mehreren Ländern des Bundesgebietes wird kein Schulgeld erhoben, sind die Lernmittel frei und erkalten besonders begabte Schüler, die bedürftig sind, eine Erziehungsbeihilfe.