Drei Aufstände hat Arthur William Radford in den 37 Jahren, in denen er der Marine angehörte, angeführt. Der erste ging gegen die „Schlachtschiffadmirale“, der zweite gegen die Vereinheitlichung der Wehrdienste, der dritte gegen die „Bombergenerale“. Für alle drei war entscheidend, daß der lang aufgeschossene junge Seeoffizier schon 1920 als Marinepilot Nr. 2896 seine Flugprüfung ablegte und daß er seitdem unablässig für die Ausbildung, Verstärkung und Ausrüstung der Marineluftwaffe gekämpft hat.

Gegen die alten Seebären aufzukommen war nicht einfach. Ihre Opposition gegen die Marinefliegerei hatte nach Radford drei Ursachen: sie ärgerten sich, weil aus den Flugzeugen schmutziges Öl auf ihre gescheuerten Decks lief; sie fanden es widerlich, Flieger, gleichgültig ob tot oder lebendig, aus dem Meer fischen zu müssen, und schließlich waren sie empört darüber, daß diese jungen Dachse auch noch Zulage dafür bekamen, daß sie ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Fliegen, nachgehen durften. Kurz vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour hatte sich das Luft-Denken bei der Flotte so stark durchgesetzt, daß der 45jährige Radford die Leitung der Marineluftausbildung erhielt, 1943 lief der „Laden“ und warf alljährlich 20 000 hervorragend ausgebildete Marineflieger aus. Nun durfte Radford als Kommandant einer Flugzeugträgereinheit im Pazifik die Landung auf den Gilbert-Inseln anführen. Die Marineluftwaffe hatte sich durchgesetzt.

Der zweite Aufstand wurde niedergeschlagen. Admiral Sherman, der große Gegenspieler Radfords, arbeitete loyal unter Verteidigungsminister Forrestal an dem großen Reorganisierungsprogramm mit, während die Mehrheit der Flottenchefs überzeugt war, daß dabei die Marine „zu Tode genagt“ werde. Die Luftwaffe und insbesondere das Bomberprogramm waren in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre das Lieblingskind sowohl der Regierung Truman als auch der Kongreßmehrheit, und als Forrestais Nachfolger, Verteidigungsminister Johnson, seinen Amtsantritt mit einem großen Reinemachen und einer starken Herabsetzung des Marinebudgets feierte, dauerte es nur wenige Tage, bis Radford – damals stellvertretender Marinegeneralstabschef – „gegangen wurde“. Das war im Frühjahr 1949. Im Herbst platzte der „Aufstand der Admirale“, der unter Umgehung des damaligen Marineministers Mathews von den Admiralen Bogan und Radford geplant, von Kapitän Crommelin in offener Insubordination in Szene gesetzt und schließlich von Radford vor dem Militärausschuß des Kongresses vertreten wurde.

General Bradley, damals Vorsitzender der Vereinigten Generalstabschefs, verlor seine gewohnte Selbstbeherrschung und warf den Admiralen einen „Haufen Torheiten“ vor; General Eisenhower, damals Generalstabschef des Heeres, war über Padfort so wütend, daß er sich weigerte, an einer Sitzung teilzunehmen, bei der der Admiral zugegen war.

Der Streit ging um die Verteilung des Wehrmachtbudgets, um die Rückgewinnung der Geltung der Flotte gegen Heer und Luftmacht und schließlich um die Frage: Flugzeugträger oder schwere Langstreckenbomber. Radford nannte den B 36, der im dritten Weltkrieg die Atombombe tragen sollte, einen billion-Dpllar-blunder. Er sei für die Amerikaner das Symbol für den leichten, billigen Sieg geworden; er sei aber so veraltet und anfällig, daß er nie seine Ziele erreichen werde; außerdem sei er wegen der großen Höhen, in denen er operieren müsse, für Präzisionsbombardierung militärischer Ziele untauglich und nur geeignet für das Massenbombardement großer Stadtgebiete; solch ein Vernichtungskrieg aber sei „politisch und wirtschaftlich sinnlos, ... moralisch verdammenswert“.

Der Marine war damals von Johnson der Bau des vom Kongreß schon genehmigten Riesenflugzeugträgers „United States“ gestrichen worden. Radfords strategische Konzeption aber beruhte darauf, daß drei Viertel der Erdoberfläche von Meeren bedeckt sind und daß kein wichtiges politisches oder wirtschaftliches Zentrum der Welt mehr als 500 Meilen von einem der Ozeane entfernt liegt. Die Marine wünscht also kleine, schnelle Bombenflugzeuge, die von Jägern begleitet werden und Präzisionsangriffe auf militärische Ziele ausführen. Dieser Konzeption liegt die Idee der Rückführung des Massenkriegs auf den militärischen Krieg zugrunde, in dem Beweglichkeit und Treffsicherheit an Stelle der totalen Vernichtung treten sollen.

Radford mit seinem von Mahan beeinflußten Flottendenken unterscheidet sich auch auf anderen Gebieten von den Kollegen in der Land- und Luftwaffe. Die Marine hat immer den Pazifik als ihr eigentliches Gebiet angesehen. Hier hat sie in Friedenszeiten glücklich gelebt und geübt; hier hat sie im zweiten Weltkrieg ihre großen Erfolge errungen; den Stillen Ozean zum „friedlichen See“ zu machen, sieht sie als ihr Aufgabe an. Als im April 1949 das Schwergewicht der amerikanischen Flotte, in den Atlantik verlegt und die amerikanische Verteidigungslinie in Ostasien auf die Linie Okinawa–Japan–Alaska zurückverlegt wurde, war dies ein Vorgang, der bei der Admirals-Rebellion verschärfend mitgewirkt hat. Der Koreakrieg, die erneute Vorverlegung der Linie und die Asia-First-Politik MacArthurs waren daher im Hauptquartier in Pearl Harbour hochwillkommen. Doch der Admiral ist weder für einen Landkrieg auf dem asiatischen Festland, noch für ein ungeduldiges Vorgehen gegen Rotchina. Er sieht ganz Ostasien von Nord bis Süd als Einheit, und im Gegensatz zu Generalen wie Marshall, Bradley und Eisenhower, die im zweiten Weltkrieg nur das Erreichen militärischer Ziele, unabhängig von dessen politischen Folgen, sahen, haben Radford und seine Pazifik-Admirale ein ausgesprochenes Gefühl für Wirkung, Rückwirkung und das Ausbalancieren zwischen Prestige, Politik und militärischer Macht.