H. M. W. Linz, Mitte Juni

Zweimal seit Kriegsende gab es in Österreich spontane Freudenkundgebungen: Das erstemal, als die in Oberösterreich gegossene Riesenglocke für den Dom von St. Stephan in Wien ihre triumphale Fahrt durch die Länder ab und unter der Enns antrat, das zweitemal am Dienstag, dem 9. Juni, als die Sowjets ganz unerwartet die Demarkationslinie auslöschten und die verhaßten Ausweiskontrollen einstellten. Zum erstenmal seit acht Jahren können nun die Österreicher (und auch die Nicht-Österreicher) wieder frei die Ennslinie passieren.

Wer gerade in diesen Stunden von Wien nach Salzburg fahren wollte, dem bot sich ein zunächst unverständliches Bild: Überall erregte Menschen, da und dort Flaggen, von ferne Blechmusik. Man beugt sich aus dem Wagen, fragt: „Warum?“ Niemand weiß es, die Herumstehenden sind nur von der allgemeinen Beschwingtheit angesteckt worden. Ein Stück weiter aber sieht man plötzlich, wie russische Soldaten die überdimensionalen „Halt“-Schilder entfernen. Welch bewegender Augenblick! Soll es also wirklich wahr werden, daß die Enns nicht mehr wie eine ständig spürbare Fessel das zweigeteilte Land gefangenhält? Mein Gott, wie viele Erinnerungen sind mit diesem Fluß verbunden. Wie viele Tragödien haben sich hier abgespielt: Da gab es jene, die nicht mehr rechtzeitig ans andere, ans amerikanische Ufer kamen, jene, die im Fluß ertranken. Und überfiel einen nicht immer wieder ein Gefühl von Hilflosigkeit, wenn die russischen Posten zur Kontrolle kamen?

Linz ist eine zweigeteilte Stadt – Urfahr, der Vorort, russisch, die Stadt selbst amerikanisch besetzt. Jetzt zeigt die oberösterreichische Hauptstadt reichen Flaggenschmuck, und auf der Brücke, die Linz mit Urfahr verbindet, spielt die Stadtkapelle. Man versucht, zum Landeshauptmann vorzudringen, aber er und der Bürgermeister haben sich gerade zum sowjetischen Kommandanten begeben, um ihm den offiziellen Dank des Landes abzustatten. Was sagt Wien? Man spürt am Telefon eine gewisse Reserve. Ein Hofrat, mit dem wir allerdings irrtümlich verbunden werden, meinte sogar: „Es schaut uns ähnlich, daß wir jubeln, weil es nun die Ausländer bequemer haben werden.“

Diese Haltung ist gewiß nur selten zu finden. Aber viele meinen, man hätte nicht gleich flaggen sollen. Noch sei gar nicht sicher, ob die Kontrolle auf der ganzen Linie gefallen sei: von kleineren Übergangsstellen seien Nachrichten eingetroffen, daß ein freier Übertritt dort noch nicht möglich ist. Außerdem ließe sich denken, daß die russische Laune wieder umschlüge. Je lauter jetzt der Jubel, desto größer werde dann die Niedergeschlagenheit sein. Andere sagen, die Aufhebung der Zonenkontrolle sei schließlich eine Verpflichtung, die die Sowjets bereits im Kontrollabkommen akzeptiert hätten. Es gäbe also wenig Grund, die so späte Erfüllung mit überschwenglicher Dankbarkeit zu quittieren.

Das mag sein, und vielleicht ist die Freude nicht vernünftig, echt aber ist sie jedenfalls. Und in Linz fürchten nur wenige, daß der Geßlerhut wieder auftauchen könnte. „Wo denken Sie hin“, sagte ein Linzer Stadtrat. „Es handelt sich hier doch um die große Linie der neuen Sowjetpolitik. Glauben Sie, es sei ein Zufall, daß der Kreml gleichzeitig einen zivilen Hochkommissar ernannt hat, daß der Sicherheitsdirektor für Niederösterreich endlich bestätigt wurde, daß es in Wien endlich möglich war, die kommunistischen Polizeileiter des IV. und des XX. Bezirkes durch loyale Beamte zu ersetzen?“

Von der „Nibelungenbrücke“ klingt noch immer Musik herüber. Vordem haben sich viel um einen „Brückenschein“ (der viel leichter zu bekommen war als eine Identitätskarte) bemüht. Sie schlüpften über die Brücke, von dort mit dem Autobus nach Mauthausen und von dort weiter mit der Donau-Uferbahn nach Wien. Auch viele meiner deutschen Freunde, denen es auf die Dauer zu teuer war, von München einzufliegen, haben diesen Weg benutzt.

Gehört all das nun der Vergangenheit an? Wien ist noch skeptisch, Linz gibt sich seinem Jubel hin, und nur ein winziges bißchen österreichische Griesgrämigkeit räsoniert: „Gar so z’wider war er ja gar nicht, der Geßlerhut, und ans Verneigen hat man sich ohnedies schon g’wöhnt gehabt...“