Schon fünf Jahre D-Mark? Mein Gott, wie die

Zeit vergeht! Wie anders waren doch die letzten fünf Jahre gegenüber der Zeit von Ende 1945 bis 1948! Manchmal habe ich beinahe Sehnsucht nach diesen drei wilden Jahren ... Wie waren wir im Grunde genommen doch frei! Wenn uns ein Job nicht mehr paßte, gingen wir zum nächsten Arbeitgeber, der uns gern aufnahm, weil ja Arbeitskräfte so billig waren. Außerdem: mit was allem konnten wir handeln! Wer sich rührte und die „gute Konjunktur“ des Schwarzmarktes clever zu ergreifen vermochte, lebte ja ganz gut...

Gut? War denn diese Zeit wirklich gut? War sie nicht die goldene Zeit nur für die negative Auslese des Schiebertums, brachte sie nicht die Bestrafung des kleinen Sparers und die Verhöhnung des anständigen kleinen Familienvaters, der sich mit seinem bescheidenen Angestelltengehalt und den geringen Rationen auf Karten durchzuschlagen suchte? War es denn eine sinnvolle Zeit, in der man mit Messingnägeln von einer Bootswerft Kaninchenställe zimmerte? Lohnte überhaupt noch ein vernünftiges wirtschaftliches Handeln?

Die Antwort gab uns dann die D-Mark. Sehr schnell, sehr gründlich und nicht ohne Schmerzen. Aber gerade wir Angestellten mußten sehr bald dankbar erkennen, daß man mit einem zwar geringen, aber kaufkräftigen Einkommen auf Grund einer soliden Dauerposition in Gastwirtschaften, in Geschäften oder beim Handwerker wieder zum Rang des geachteten Kunden und Mitbürgers, um den man sich bemühte, emporstieg. Die charakterausmergelnde Schieberherrlichkeit war vorüber, und unsere Grundsätze fleißiger, pflichtgetreuer Arbeit und sparsamer, überlegter Verwendung des hieraus fließenden Arbeitsentgeltes erwiesen sich wieder als „goldrichtig“.

Unsere alten, angesehenen Kaufleute waren wieder diejenigen, zu denen wir vertrauensvoll emporblicken konnten. Und gerade wir Angestellten stellten mit heimlicher Genugtuung fest, wie eine Scheingröße nach der anderen von der Bühne abtreten mußte.

Aber das Leben wurde auch in etwa schwerer. Es war nicht mehr so leicht, die Stellung zu wechseln, Arbeitskräfte waren reichlich vorhanden, da sich niemand mehr von einer Raucherkarte ernähren konnte. Es wurde und wird viel von uns verlangt. Überstunden werden oftmals als selbstverständliches Geschäftsinteresse vorausgesetzt, und niemand wagt auf Bezahlung zu drängen aus Angst vor dem „blauen Brief“. Aber wir müssen ehrlich sein und gestehen, daß in manchen Betrieben zu den Tarifgehältern nicht unerhebliche Sonderleistungen gewährt werden.

Alles in allem: die DM als solche ist gut. Sie erfüllt ihre Funktion als Wertmesser und stabiles Sparmittel. Wer sie besitzt, ist nicht betrogen, aber, um mit Richard Wagner zu sprechen: Wer sie nicht hat, den nagt der Neid! Der guten DM-Stücke in unserer Hand sind leider zu wenig! Einmal haben es die Arbeiter besser als die Angestellten verstanden, sich ihren DM-Anteil zu sichern. Ich bin Angestellter im Handel. Ich habe mich an Hand der Statistik davon überzeugt, daß, wenn wir das monatliche Einkommen eines Arbeiters und eines Angestellten im Jahre 1938 mit 100 ansetzen, es heute ein ungelernter Arbeiter in der chemischen Industrie auf 172, in der Bauwirtschaft auf 201, in der Textilindustrie auf 212 und in der Metallindustrie auf 218 gebracht hat. Für einen Angestellten mit abgeschlossener Lehre und bestandener Kaufmannsgehilfenprüfung lautet die Ziffer aber nur 118. Da nun der Lebenshaltungskosten-Index etwa bei 168 liegt, so ist das Absinken unseres Realeinkommens offenbar. Und wenn ich an meinen Freund Werner, den Abteilungsleiter, denke und sein Einkommen von 1938 mit seinem heutigen vergleiche, so kann ich nur sagen, daß alle Angestellten bei dem Einpendeln von Löhnen und Gehältern schlecht weggekommen sind. Es scheint so zu sein, daß geistige Tätigkeit nichts mehr gilt. Der Mann an der Maschine ist König geworden! Uns bedrückt noch mehr. Aber das ist ja wohl nicht die Schuld der D-Mark, denn diese ist so gut und so schlecht, wie der Gebrauch, den die Menschen von ihr machen. Wir möchten uns gerne von Neidgefühlen freihalten, aber es wurmt doch manchmal, zu sehen, daß wir jahrelang nach der Währungsreform für alle möglichen Güter hohe Preise bezahlten (ganz zu schweigen von den kaufkraftschwachen RM-Entgelten!), auf Grund derer sich dann Produzenten und Händler tadellos eingerichtete Fabriken, Läden und Büros erbauten. Gewiß, auch wir sind einsichtig genug, uns dieses Wiederaufbaus von Produktionsstätten und Arbeitsplätzen als einer Voraussetzung unserer Teilnahme am weltwirtschaftlichen Wettbewerb zu freuen. Aber jene anderen konnten ihr Vermögen wieder aufbauen, sie genießen Haus, Garten und Auto. Und wenn auch wir damit beginnen konnten, in ganz bescheidenem Umfange wieder aufzustocken, so haben wir doch das Gefühl, daß auch wir zu unserem Teile zu dem relativ großen Vermögenszuwachs der anderen beitrugen und nun auch unsererseits den Wechsel nicht voll honorierter, jahrelang gewissenhaft geleisteter geistiger Arbeit präsentieren dürfen, ja, müssen. Die soziale Marktwirtschaft ist, so meinen wir, in manchem leider noch recht weit von der gerechten Wirtschaft entfernt. Aber das, wie gesagt, ist nicht Schuld der DM-Mark...