Zwischen die Lichtbilder, die auf ärztlich-wissenschaftlichen Veranstaltungen gezeigt werden,wird von Zeit zu Zeit eine Projektion eingeschoben. Sie enthält die Aufforderung: „Dr. XY bitte ans Telefon!“ Still erhebt sich der also Aufgeforderte und verläßt den Saal. Wenn er nicht zurückkehrt, ist er sicher zu einem Patienten abgerufen worden. Das gehört so sehr zum gewohnten Bilde ärztlicher Sitzungen, daß man sich gar nichts mehr dabei denkt. Tut man das aber, so fragt man sich unwillkürlich: Gibt es noch einen freien Beruf, dessen Angehörige so „angebunden“ sind, wie die Ärzte? Sie können nicht einmal damit rechnen, für die Dauer eines wissenschaftlichen Abends „frei“ zu sein.

Auch auf der Einkommensseite ist die Freiheitdes ärztlichen Berufes schwer zu finden. Ist die Praxis einmal aufgebaut, hat sich die Resultante aus beruflicher Leistung, Persönlichkeit und Praxislage einmal herausgebildet, so zeigt das Praxis-Ein kommen, ob groß oder klein, eine erstaunliche Konstanz, die einem Gehalt ziemlich nahekommt. „Per saldo“ gilt dies sogar auch für die Privatpraxis. Da Kassenhonorar trifft in monatlichen Raten pünktlich wie eine Gehaltszahlung ein. Nur die variablen Restzahlungen, die quartalsweise einlaufen, zeigen noch, daß die an Kollektivverträge gebundener. Kasseneinkünfte „freies“ Einkommen sind. Es laß; sich durch größere Behandlungsintensität nicht nach Erfordernis oder Belieben vergrößern. Denn vom einzelnen Krankheitsfall her gesehen, haben wir es mit einem Durchschnittshonorar, mit einer Fall- oder „Schein“-Pauschale, also einem Fixum zu tun,wobei die Fälle mit wenigen und solche mit vielen ärztlichen Leistungen unter sich einen Ausgleich schaffen sollen. Die kassenärztliche Behandlungsfreiheit gilt also nur für die Methodik, nicht aber für die Liquidation, die ihre Grenze eben in der ‚Schein“-Pauschale findet. Eine zweite Grenze bildet der Regelbetrag, der die Arzneikosten auf einen Durchsdnittssatz beschränken soll.

Innerhalb dieses engen und vielfach auch als beengend empfundenen Rahmens freilich ist der Arzt völlig frei und in seinem Handeln nur seinem besten Wissen und Gewissen unterworfen. Diese beengte Freiheit ist für die Mehrheit der Ärzte jedoch immer noch ein so wertvolles Gut, daß sie sie mit allen Mitteln verteidigen. Sie würden sich gegen den Verlust ihrer Selbständigkeit auch dann wehren, wenn er keine Einkommensminderung mit sich brächte – die eigentlich auch nur die „Kassenlöwen“ dann zu fürchten hätten. (Deren Überlegenheit gegenüber ihren Kollegen beruht vorwiegend auf organisatorischen Qualitäten. Es-sind mehr „Allerweltskerle“, als besondere Arzt persönlichkeiten.)

Wenn manchmal das Absinken des Ansehens des ärztlichen Berufsstandes beklagt wird, so hängt das nicht zum mindesten damit zusammen, daß das Versichertsein einen Wandel des Arzt-Patient-Verhältnisses herbeigeführt habe. Aus dem Hilfesuchenden ist dadurch ein Anspruchsberechtigter geworden, der vom Arzt auch die Erfüllung außerärztlicher Aufgaben erwartet – oder befürchtet. Wenn sich dadurch das Vertrauen, das man dem Arzt entgegenbringt, vermindert haben mag, so beruht dennoch sein Beruf immer noch mehr als viele andere auf Vertrauen.

Heute ist Arztsein neben dem Künstlertum der Beruf, der es noch am ehesten erlaubt, Individualist zu sein. Und wie die Ärzte nun einmal sind, wer- – den sie sich auch weiterhin bereit zeigen, für diese-, individuelle Freiheit Opfer zu bringen.