Von unserem Korrespondenten

K. W. Berlin, Mitte Juni

Grotewohl, der Opportunist in der SED-Führungsgarde, ist jetzt derjenige, der vorgeschickt wird, um die Kursschwenkung zu erläutern. Er hat offenherzig erklärt, daß „im Augenblick alles im Interesse einer größeren Verständigung unterlassen werden muß, was den Zusammenhang mit dem anderen Deutschland stören könnte“. Es ist keineswegs – wie manche Westberliner meinen – eine Häutung des Kommunismus im Weltaspekt. Es ist eindeutig ein Plan, der auf Deutschland, das ganze Deutschland zielt. Die übrigen Volksdemokratien nämlich sind von solcher Welle eines rückläufigen, sich westlich gebärdenden Kommunismus nicht betroffen.

In der Sowjetzone verharrt nicht nur die Bevölkerung, sondern auch das riesige Heer der Funktionäre zunächst in einer nervösen Atempause. Die aus den Gefängnissen heimgekehrten Geschäftsleute, die in die Schulen wieder zurückgekehrten Lehrer und Schüler tun unsicher die ersten Schritte in eine rätselhafte ungewisse Freiheit. Glaube und Vertrauen, daß hinter diesen so paradoxen Schritten endgültige Wirklichkeiten stünden, ist nirgendwo zu finden. Die vielen Kreis- und Bezirkssekretäre der SED Und ratlos nach Berlin zu einer großen Geheimkonferenz gefahren. Und der Umstand, daß Walter Jlbricht, der bisherige Lenker des nun so abgrundtief verurteilten Kurses, bei Sportveranstaltungen wie eh und je zu sehen ist, hält das Mißtrauen wach, daß die Augenblicksmaßnahmen nur Teil eines großen taktischen Schachzuges sind mit dem Ziele, das ganze Deutschland zu düpieren.

Von der Zonenbevölkerung geht die Warnung an die Westdeutschen aus: „Glaubt nicht an die Rückkehr der Sowjets zu einem Deutschland der Freiheit!“ Die angekündigten Maßnahmen sehen die Ostdeutschen keineswegs als die immer wieder vom Westen geforderten Beweise des guten Willens an. Und was bisher geschah, sind ja wirklich nur bescheidene Revisionen der letzten, der allerletzten Vergewaltigungen der Zone. Und was vorausging, war der Raub der elementaren Freiheiten und Rechte.

Wenn der Westen – so sagen die Menschen zwischen Oder und Elbe – jetzt etwas zu tun hat, dann dies: darauf zu dringen, daß die Sowjets die ganze Freiheit in einer wirklich freien gesamtdeutschen Wahl für das ganze Deutschland verwirklichen. – Die Furcht, daß eine Verhandlung auf der Basis des nun etwas vermenschlichten Deutschlands der Sowjetzone gegen die Preisgabe der festen Koalition mit dem Westen vor sich gehen könnte, ist die Furcht des Augenblicks.