Von Gösta v. Uxküll

Stockholm, Mitte Juni

Zu den bestgehaßten Einrichtungen der Nachkriegszeit gehört zweifellos der Fragebogen. Er hat sich im deutschen Bewußtsein einen Platz erobert, der ihn in die Nähe der apokalyptischen Reiter rückt. Von Amerika wurde der Fragebogen 1945 nach Deutschland importiert, jetzt hat er wieder den Heimweg nach Amerika angetreten. Nichts anderes als eine Form des Fragebogens ist nämlich die Aktion McCarthys. Unbeantwortet aber bleibt weiter die Frage, ob eigentlich der Fragebogen selbst das Übel ist oder nur eine mehr oder weniger zufällige Begleiterscheinung.

Jedes siegreiche Regime hat die Neigung, mit den Anhängern des vorhergehenden, unterlegenen Regimes unsanft umzuspringen. Es bringt sie um, so wie Marius und Sulla es taten, Katharina von Medici, Lenin und Stalin und die französische Résistance. Man sperrt seine Widersacher ein, beraubt sie, nimmt ihnen Stellung und Brot oder man tut alles dies zugleich, wie zum Beispiel Hitler.

Es ist allerdings Tatsache, daß Hitlers Machtergreifung sich nicht auf Fragebogen stützte, ohne darum humaner, gerechter oder harmloser zu sein. Denn wo der Fragebogen fehlt, da gibt es schwarze Listen! Schon Marius und Sulla benutzten sie. Die Frage erhebt sich nun, ob schwarze Listen dem Fragebogen vorzuziehen sind. Nach dem Sturm der Entrüstung, den der Fragebogen ausgelöst hat, scheint dies der Fall zu sein. Ungeachtet der Tatsache, daß ja nicht das „Ja“ hinter der Frage „Waren Sie beim SD?“ belastend ist, sondern der Umstand, daß man es war. Hinter den Fragebogen lauern ja ohnedies die schwarzen Listen, auf denen alle Schattierungen dunkler Farben Platz haben: vom Pechschwarz des „Hauptschuldigen“ bis zum Hellgrau des „Mitläufers“.

Trotzdem hat die schwarze Liste gegenüber dem Fragebogen einen Vorzug: sie kann als Schicksal hingenommen werden! Wer auf ihr landet, empfindet es eher als Unglück – nicht, wie beim Fragebogen, als Unrecht. Sein Empfinden täuscht ihn dabei nicht, denn die Auswerter der Fragebogen wollen ja „richten“, wobei sie sich Befugnisse anmaßen, die ihnen nicht zustehen. Schicksalsschlägen – auch wenn ihre Vollstrecker Menschen sind – begegnen wir mit einer anderen inneren Haltung als Gerichtsurteilen. Mit gutem Grund. Denn vor dem Urteil soll sich der schuldige Angeklagte ja nicht als Opfer, sondern als Missetäter fühlen. Sobald aber das Opfer zum Angeklagten gemacht wird – und gerade das widerfährt doch dem „Betroffenen“ des Fragebogens –, erwartet er mit Recht, auch als Angeklagter behandelt zu werden. Hier nun offenbarte sich die fatalste Schwäche der gesamten „Entnazifizierung“. Kaum hat man dem Opfer eingeredet, es sei Angeklagter eines Rechts-Angeklagter – da versagt man ihm die einem Angeklagten zustehenden Rechte: erstens das Recht, nach dem Gesetz zu fragen, gegen das er verstoßen haben soll, zweitens das Recht, vom Ankläger den Schuldnachweis zu verlangen (statt ihn selbst zu erbringen) und – drittens – das Recht, zu lügen,

Durch Fragen kann man den Menschen zur Weisheit führen – so handelte Sokrates – und man kann ihn von Krankheit heilen, wie Parsival den Amfortas oder wie der Arzt den Patienten. Man kann ihm die Sündenlast abnehmen, wie der Priester dem Beichtkind, oder von Komplexen erlösen wie der Psychiater. Entscheidend ist nicht das Fragen und Antworten, sondern die dahintersteckende Absicht.