München, im Juni

Der Beifall schwoll noch einmal an, als nach der Aufführung von Max Frischs „Don-Juan“-Komödie die Darsteller neben dem Autor und dem Regisseur einen hageren Mann mit einem langen, ernsthaften Gesicht aus den Kulissen zogen, der sich bescheiden verneigte. Es sollte das letztemal gewesen sein, daß die Zuschauer sich bei Wolf ganz Znamenacek für ein Bühnenbild bedankten. Ein paar Tage danach ging es in der Stadt von Mund zu Mund, daß er einem Autounfall zum Opfer gefallen war. Ich vernahm es in einem kleinen Laden unweit der Kammerspiele. Der Ladner, der sich keine Aufführung dort entgehen läßt, war verstört, als habe ihn ein naher Verlust betroffen, und so ist es vielen ergangen, die sich in den letzten Jahren der Kunst dieses wahren Poeten unter den Bühnenbildnern erfreut hatten. Oft war es, als verdanke er das beglückend genaue Treffen nicht nur des Schauplatzes, sondern zugleich des eigentümlichen inneren Charakters eines Dramas einer geheimen Zwiesprache mit den Autoren selbst oder mit deren Geist. Jedenfalls muß er es wunderbar verstanden haben, die oft nicht leicht erschließbaren Chiffren eines Textbuches zu lesen. Dabei ist es noch die Frage, ob den meisten Autoren für den äußeren Rahmen ihrer Stücke auch nur halb so viel eingefallen wäre wie ihm; auch konnte er, wie es der Betrieb des Theaters mit sich bringt, es nicht in jedem Falle schon mit Meistern ihres Faches zu tun haben. Aber wenn „Znam“, wie seine Freunde ihn nannten, die Bühne gestaltet hatte, dann war jedenfalls doch einer am Werk gewesen, und wer streckenweise einmal nicht genauer zuhören mochte, der hatte wenigstens für die Begegnung mit einem echten Gedicht aus „Zindel, Blech, gefärbt Papier und Glas“ zu danken.

Das soll freilich nicht für Frischs „Don Juan“ gelten. Die Aufführung unter Leonard Steckel aus Zürich war eine der lebensvollsten dieser Spielzeit überhaupt. Allerdings wurde die Komödie vom Publikum stellenweise mißverstanden. Verführt offenbar von ihrem beißenden, herausfordernden Witz, bekundete es ein kannibalisches Wohlsein just an Pointen, die der heimliche Moralist Frisch ja gesetzt hatte, weil ihm eben nicht wohl zumute war.

Auch Sean O’Casey, dessen Volksstück aus dem Irland der nationalen Revolution Ernst Ginsberg am Residenztheater inszenierte, fünfundzwanzig Jahre nach der Dubliner Uraufführung zum erstenmal in Deutschland, – auch diesem Autor muß es über „Juno und der Pfau“ nicht wohl zumute gewesen sein. „Ihr sollt euch ändern“ ist nicht nur das heimliche Motto auch seines Dramas, sondern es wird am Schlüsse höchst vernehmlich gefordert. Aber man muß nicht einmal ein Vierteljahrhundert in die Weltgeschichte zurückgehen, um O’Casey zu begreifen. Tod der Söhne für ihr Land, Tod der Söhne von Brudershand. Gleichwohl wollte die Beschwörung, die O’Casey der leidgeprüften Mutter für alle ihre Schwestern gestern wie heute in den Mund gelegt hatte, nicht zu echter Wirkung kommen. Es lag daran, daß er sich übernommen hatte. Fememord und Partisanengreuel im Verzweiflungskampf eines Volkes um die Freiheit, verquickt mit den komischen und bloß trübseligen Zufällen und Unzulänglichkeiten des Wohnküchen-Alltags, das wollte die Tragikomödie nicht ergeben, die O’Casey vielleicht vorgeschwebt hat. Etwas von nervöser und unzeitiger Erheiterung statt Ergriffenheit war deutlich zu spüren.

Unfälle serienweise gab es auch in Georg Kaisers ungefähr gleichaltriger ,,Kolportage“ zu bestaunen, die das Residenztheater in einer sehenswerten Aufführung auf ihre Wertbeständigkeit prüfen ließ. Kindsraub und Unterschiebung, liederlich vertanes Erbe des unechten Grafensohnes, Hereinplatzen der echten Mütter, Tableau über Tableau, eben Kolportage, Schundliteratur, und die Parodie schien mit einem vergnüglichen Aufgebot von Knickebeinigkeit, Smartneß und deklamierendem Edelsinn prächtig gelungen. Regenflimmernde Filmstreifen, deren Darsteller aus der Leinwand heraus auf die Bühne gestiegen kamen, taten mit Kintopp-Zwischentiteln und der entsprechend rauschenden Begleitmusik ein übriges. Aber mit einem Male schien Georg Kaiser des fidelen Tones satt, und aus den Tiraden wurde Ernst. Hier hätte die Regie den Autor davor bewahren müssen, sich selber den Spaß zu verderben. Die Zuschauer störte es nicht. Sie bedankten sich stürmisch bei den Darstellern, denen er auch nicht verdorben war. Denn Rollen schreiben und Auftritte setzen, das hat Georg Kaiser gekonnt wie einstweilen nur wenige nach ihm, und es war wieder einmal zu erfahren, bis zu welchem Grade sich der echte Dramatiker beim Schreiben auf die einstweilen noch unsichtbare andere Dimension des Darstellers verlassen darf. Ein Jüngling aus Kansas, nämlich der echte Grafensohn, kehrt zurück und sagt nur Halloh und radebrecht drei Silben dazu, und eine Welle stürmisch erheiterten Wiedererkennen; brandet durch das Haus. Er hätte die Füße gar nicht erst auf den Tisch zu legen brauchen. Natürlich sind wir, was dieses Wiedererkennen angeht, der Generation vor uns aus leidigen Gründen um einiges voraus. Paul Alverdes