Der „Dreidimensionale Nebel“ lüftet sich – Prognosen eines internationalen Kongresses

Von Josef Marein

Der energische Herr, der am ersten Tage des „III. Internationalen Farbfilmkongresses“ im Düsseldorfer Europa-Palast eine vielbeachtete Rede hielt, sagte: „Ich bin kein Diktator.“ Sicherlich nicht; Er sprach nur so. Es war Dr. Rudolf Vogel, der Beauftragte der Bundesregierung für die Filmwirtschaft. Nach seiner Rede reiste das vielbeschäftigte Mitglied des Bundestages nach Bonn zurück. Wäre er einen Tag länger geblieben, hätte er erfahren, daß er, der fördern soll, ein Mann ist, der bremst, ein Reaktionär.

In Düsseldorf waren zwei Tage lang Filmexperten aus elf Nationen versammelt: Techniker, Kinobesitzer, Kameramänner, Filmkünstler, Filmjournalisten, Filmwirtschaftler und ein paar Fernseh-Fachleute. Ihnen erzählte Rudolf Vogel, der deutsche Film sei im Durchschnitt besser als dieDurchschnittsfilme anderer Nationen; die deutschen Spitzenfilme allerdings – das müsse er offen sagen – erreichten nicht das Niveau der amerikanischen, englischen, französischen und italienischen Spitzenfilme... –

Es war schade, daß in der nachfolgenden Diskussion niemand sich der Wertskala erinnerte, die vor Jahrzehnten Willy Haas einmal aufgestellt hat. Danach müßte man sagen, daß es nicht nur gute und schlechte Filme gibt. Nein, Haas teilte das Gute und das Schlechte weiterhin in die Unterstufen „gut“ und „schlecht“ ein. Folglich: es gibt gute Gute-Filme (also Streifen von künstlerischem Rang, in denen das Können dem Wollen entspricht: ein solches Werk haben wir Deutsche seit dem Film „In jenen Tagen“ nicht zustande gebracht). Es gibt schlechte Gute-Filme, in denen das Können dem Wollen nicht entspricht (hier wäre mancher Problem-Film der Nachkriegszeit zu nennen). Ferner gibt es gute Schlechte-Filme (in denen handwerklich solide ein Stoff verwirklicht wurde, von dem die Produzenten annehmen, daß er „publikumswirksam“ sei); und es gibt schlechte Schlechte-Filme, in denen weder Wollen noch Können ausreichend sind. – Legen wir diesen Wertmesser an Dr. Vogels Worte an, so muß die dritte Stufe – die der guten Schlecht-Filme – als die Domäne der deutschen Produktion betrachtet werden. Vogel selbst rief höchst energisch aus, es sei das Ziel, endlich auch in die Gruppe der internationalen Spitzenfilme mit deutschen „Lokomotiven“ einzudringen, zu Deutsch: mit guten, künstlerischen Filmen. Seine Parole: Weniger, aber dafür bessere Filme! Nicht 82 Streifen, wie im vorigen Jahre, sondern höchstens 60, davon zehn „Lokomotiven“! – Wenn das so einfach wäre! Immerhin konnte er eine Hoffnung geben: Geld, der nervus rerum, wird demnächst vorhanden sein. Der Bund kommt in den Besitz des Ufa-Vermögens: 80 Millionen D-Mark; er will außerdem für 60 Millionen D-Mark Ausfallbürgschaften übernehmen. Gegenüber dieser Kunde ist die Nachricht gänzlich uninteressant, daß jenes mit soviel Aplomb angekündigte – „Norddeutsche Filmkontor“, durch das die Gewerkschaften ihren Einfluß geltend machen und – wie Dr. Körnig dunkel angedeutet hatte – dem deutschen Filmschaffen „soziale Lichter aufsetzen“ wollten, inzwischen seine kaum begonnene Arbeit aufgegeben hat. Daß Dr. Vogel nicht nur aufs vorhandene Geld, sondern auch auf die Notwendigkeit einer europäischen Co-Produktion hinwies, wurde mit einmütigem Beifall aufgenommen. Ohnehin wurde von europäischer Zusammenarbeit auch in Film-Sachen oft und ehrlich auf diesem Kongreß gesprochen. Aber in zweierlei Hinsicht erregte Vogel – offenbar unwissentlich – Anstoß: einmal, als er gegen die „Filmjünger Sartres“ zu Felde zog und solchen Filmen das Wort redete, die „einer optimistischen Daseinsfreude Ausdruck verleihen“ (welch hübsches Rezept für die Kategorie der guten Schlecht-Filme und wie nahe der altvertrauten Praxis, daß staatliche Stellen so gern Optimismus verlangen!), zum anderen, als er vom dreidimensionalen Film sprach und meinte, es bestünde kein Grund, „verzweifelt neuen Sensationen nachzujagen“. Kurzum: Rudolf Vogel gab den Rat, wir Deutsche, ja, alle Europäer, sollten uns von den Amerikanern und ihren Versuchen des dreidimensionalen Films nicht nervös machen lassen. Nicht hingucken! Abwarten! Die Besucherzahl im deutschen Kino – sagte Dr. Vogel ausdrücklich – steige ohnehin. Diese Meinung, wir sollten etwas abseits stehen und abwarten, könnte man als die Ansicht eines Privatmannes gelten lassen. Kommt sie aber aus dem Munde eines Staatsbeauftragten, klingt sie bedenklich. Die Fragwürdigkeit dieser Äußerungen stellte sich, wie angedeutet, auf dem Düsseldorfer Filmkongreß am anderen Tage heraus.

Ein Mann der Technik, der Diplom-Ingenieur Gustav Kemna, soeben von einer amerikanischen Studienreise zurückgekehrt, sagte klipp und klar: „Die Revolution im Film steht vor der Tür. In Amerika hat sich das Neue bereits durchgesetzt. Wir in Deutschland können nicht zurückstehen, wenn wir nicht hoffnungslos ins Hintertreffen geraten wollen.“ – Es geht um den dreidimensionalen, den Raum-Film.

Zunächst eine Klärung der Begriffe: Neuerdings ist in Europa viel vom „Cinerama“ die Rede. Auf einen halbkreisförmig gebogenen Lichtschirm, der eine Weite von 24 Meter hat, werfen drei Projektoren die Filmbilder und erreichen ein Non plus ultra plastischer Wirkung. Ein einziges Cinerama-Programm gibt es seit neun Monaten in Amerika, mehr nicht: eine Wochenschau, die längst veraltet ist, und die Aufnahme vom zweiten Akt der Verdi-Oper „Aida“, dargeboten von den Künstlern der „Mailänder Scala“, die in den USA gastierten. Bis Ende August ist das „Cinerama-Theater“ ausverkauft. Eine Sensation also. „Und dennoch nichts für uns“, sagte Kemna, „Cinerama steht außerhalb unserer Filmsorgen.“ Es ist nicht nur die Weite des Bildschirms, die ein riesiges Haus notwendig macht, dessen Ausstattung vorerst weit über die in deutschen – vielleicht sogar in europäischen – Großstädten vorhandenen finanziellen Möglichkeiten hinausgeht; es ist auch die Tatsache, daß im Cinerama-Verfahren filmisch-künstlerische Methoden nicht mehr verlangt werden. Das heißt: Es genügt, Opern oder Dramen einfach „abzuphotographieren“, wie Kemna sich ausdrückte. Vergeht erst der Reiz des Sensationellen, wird Cinerama wie Kemna vermutet, das Theater für Gebildete sein.