Die soziale Marktwirtschaft hat in den vergangenen Jahren allerdings in erstaunlichen Ausmaß die Produktion angekurbelt und das Problem des Wiederaufbaus der zerstörten Kapazitäten gemeistert. Diesem stürmischen Zuwachs an volkswirtschaftlicher Substanz nach den Zerstörungen des Krieges steht aber auf der anderen Seite der Bilanz das weitgehende Versagen dieses Systems in den Fragen der Verteilung des wiedergewonnenen Wohlstandes im Sinne sozialer Gerechtigkeit gegenüber. So etwa lautet doch das globale Hauptargument der Kritiker des marktwirtschaftlichen Kurses, das einer der professionellen Gegner Erhards in dem Satz zusammenfaßte, daß in der Marktwirtschaft „die Reichen reicher und die Armen ärmer“ geworden seien.

Wenn man diese Übertreibung auf ein diskutierbares Maß zurückführt, so läßt sich dazu lagen: das In-Arbeit-und-Brot-Bringen von mehr als 3,5 Millionen Menschen seit der Währungsreform und die ständige Steigerung der Realeinkommen dieser Beschäftigten war eine (und nicht einmal geringe) soziale Tat – ganz zu schweigen davon, daß überhaupt erst durch die ökonomischen Erfolge der Marktwirtschaft die Bildung jener riesigen Sozialfonds möglich wurde, aus denen heute, für alle nur erdenkbaren Fälle der Not, Unterstützungen gezahlt werden. Aber natürlich: unter soiialem Aspekt steht die Marktwirtschaft erst an einem Anfang, und zwar nicht nur, was ihren quantitativen Effekt in dieser Richtung angeht, sondern auch, und sogar vor allem, im Hinblick auf die Schaffung der ihr gemäßen Formen sozialer Betriebs- und Wirtschaftsgestaltung, die sie in der Tat als Zeichen ihrer Reife nun realisieren muß.

Wer heute einen Geschäftsbericht einer Aktiengesellschaft zur Hand nimmt, der stößt sehr bald mit Sicherheit auf die sogenannten freiwilligen sozialen Leistungen. Dieser Posten, der, angefangen vom Taufgeld bis zum Wohnungsbau, die Aufwendungen für eine weite Skala betrieblicher Wohlfahrtseinrichtungen für die Betriebsangehörigen umfaßt, hat heute bei vielen Gesellschaften bereits eine Summe erreicht, die ein Mehrfaches der ausgeschütteten Dividende ausmacht; im Schnitt macht er 10 v. H. des Lohnkontos aus. Dem deutschen Unternehmer wird diesermaßen kein schlechtes Zeugnis fürsorglicher Gesinnung ausgestellt. Aber es muß dazu gesagt werden, daß solche wohl lobenswerte Praktizierung betrieblicher Wohlfahrt doch nur eine Überbrückungsmaßnahme ist, da die besonders in den ersten Nachkriegsjahren so vielfältig vorhandene Not schnelle Hilfe nicht nur erforderlich machte, sondern diese auch im Lichte eines moralischen Rechtsanspruchs erscheinen ließ – angesichts des auch dem Manne auf der Straße ins Auge springende stürmischen Substanzzuwachses, der ja nicht nur das Ergebnis unternehmerischer Initiative, sondern auch der Arbeitserfolge in den Büros und an den Maschinen war. Auch heute und morgen wird man darauf nicht verzichten können. Aber nachdem die Gewinne sich normalisiert haben und der Zuwachs an Neuvermögen sich in wesentlich bedächtigerem Tempo (und darum auch gleichmäßiger) vollzieht, dürfte doch der Spielraum für den weiteren Ausbau dieser Art sozialorientierter Wirtschaftsgestaltung begrenzt und der Zeitpunkt gekommen sein, den Schwerpunkt unserer Bemühungen um den sozialen Ausgleich von der Ebene anonymen Gebens und Nehmens weg in die Bezirke des individuellen Leistungsstrebens zu verlagern.

Es ist eine Tatsache, die durch die Erfahrungen der vergangenen Jahre erhärtet wurde, daß freiwillige Sozialleistungen, ob sie nun über betriebsfinanzierte Werkskantinen und freie Varietévorstellungen oder über die verschiedenen Systeme globaler Gewinn- und Substanzbeteiligung an den einzelnen Arbeiter oder Angestellten herangetragen werden, nicht geeignet sind, zu einem Interessenausgleich in den Betrieben, geschweige denn darüber hinaus zu einer echten sozialen Entspannung zu führen. Diese kollektiven Sozialfonds lassen nicht den Zusammenhang mit der Leistung erkennen, durch die sie entstanden sind. Sie werden darum als willkürliche Geschenke empfunden, die die Abhängigkeit des Arbeitnehmers vom Arbeitgeber um so mehr fühlen lassen, als für die Bemessung ihrer Höhe keine klaren Rechtsgrundlagen bestehen. Aus dieser Erkenntnis haben viele Betriebe leistungsbezogene Systeme der Ergebnis- und Substanzbeteiligung entwickelt, in deren Rahmen es jeder Arbeiter und Angestellte selbst in der Hand hat, durch persönlichen Einsatz die Höhe seines Anteils an den zur Verteilung kommenden Ergebnissen zu bestimmen.

Mit diesen Methoden haben sozial aufgeschlossene Unternehmer beachtliche Erfolge auch im Sinne der Befriedung sozialer Spannungen erzielt. Aber es wird immer ein Problem für sich darstellen, jede Einzelleistung innerhalb eines Betriebes von Jahr zu Jahr so einwandfrei und „gerecht“ einzumessen, daß sie ohne neue menschliche Reibungen zur Grundlage der Verteilung zusätzlicher Fonds gemacht werden kann. Die in dieser Richtung sich entfaltenden sozialen Bemühungen stellen jedenfalls keine generelle Lösung dar. Das auch schon deshalb nicht, weil eine allzu starke Belastung der Betriebsbilanzen mit außerökonomischen Ausgaben die Unternehmer von ihrem doch wohl wichtigsten sozialen Auftrag abdrängen könnte, der ihnen im Rahmen einer Marktwirtschaft gestellt ist: in freiem Wettbewerb und bei scharfer Kalkulation die Kosten und Preise zu senken, so die Realeinkommen der breiten Bevölkerungsschichten zu steigern und derart die Voraussetzung dafür zu schaffen, daß wir über eine Erhöhung der Sparrate zu einer breiten Eigentumsstreuung kommen.

Die Weiterentwicklung der Marktwirtschaft von der jetzt bezogenen weitgehend normalisierten Position drängt auf eine Wiederbelebung der alten traditionellen Formen volkswirtschaftlicher Wohlstandsbildung, in deren Mittelpunkt das Sparen und der Eigentumserwerb durch Sparen steht. Dieser Prozeß, der aus den in der Marktwirtschaft wirksamen Kräften ja schon seit Ende der Korea-Hausse im Gange ist, (wie es die Einlagen bei den Sparkassen und Bausparkassen und die Prämieneingänge bei den Versicherungen zeigen,) braucht nunmehr nur forciert zu werden: durch die Schaffung zusätzlicher institutioneller Einrichtungen, die das Sparen begünstigen und es auch den einkommensschwachen Bevölkerungsteilen leichter machen, Eigentum zu erwerben – und, über das Eigentum, frei zu werden von jenen staatlichen Versorgungseinrichtungen, die uns weder sicherer noch glücklicher machen.

Gedacht ist an die Förderung des Eigenheimbaues und die Schaffung von Wohnungseigentum auf breiter Grundlage. Dann aber auch an das Miteigentum am Großbesitz auf der Grundlage eigener Sparleistungen, an denen sich die Betriebe zugunsten des Einzelsparers beteiligen. Über den direkten Kauf von Kleinaktien oder Obligationen oder über den Erwerb von Anteilen an staatlich kontrollierten Investment-Gesellschaften, die die bei ihnen eingelegten Mittel ihrerseits in Wertpapieren anlegen, fließen diese Spargelder in die Wirtschaft zurück und stehen ihr zum weiteren Ausbau der Produktionskapazitäten zur Verfügung – nun aber mit dem Unterschied, daß das damit geschaffene Neuvermögen ein echter Mitbesitz wird. Wolfgang Krüger