Mohn und Gedächtnis heißen die Gedichte eines noch wenig bekannten Autors: Paul Celan. Die Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, hat sie herausgegeben. Sie sind die ausgelesenen Früchte einer jahrelangen dichterischen Anstrengung. Schon das unterscheidet sie von den prompten Jährlingen vieler heutiger Lyriker. Sie wollen auch mehr als diese, mehr nämlich als die gehobene, verblümte Beschreibung einer erschreckenden Gegenwart.

Je entschlossener Paul Celan in seinen Gedichten auf das erklärende oder färbende Adjektiv verzichtet, je knapper und schlichter sie werden, desto reiner tritt ihr Eigentümliches hervor, das Sprunghafte: sie sind Anspruch und Anruf. Im Spruch, der Beschwörung, Gebet und Zauber zugleich ist, kann das Erlebnis des bloß Wirklichen zur Schau einer Wahrheit werden. Nur im Wort kann das Erlebnis dieser Wahrheit gewachsen sein. Der Kraft des Wortes, aus Bruchstücken der Wirklichkeit vollkommenes Sein zu schaffen, vertraut Celan. Jede Erscheinung ist ihm insgeheim in einem Wort aufgehoben, das ihr erst Sinn gibt und sie einer Ordnung einfügt. Es muß nur gelingen, dies Wort vernehmbar zu machen.

Das Pathos ursprünglichen Schaffens steht der unerbittlichen Schwermut gegenüber. Schwermut ist eines der wenigen abstrakten Wörter bei, Celan. Sie wird ausgelöst durch die Behinderung des absoluten Gefühls durch die Grenzen des Hier und Heute. Nur unter dem magischen Schutz des rätselhaften Wortes kann sich die Liebeskraft (ohne die auch Kunst nicht besteht), unversehrt entfalten, nur durch den Beistand des Wortes kann sich die Welt zum Liebewürdigen läutern. Sinn und Ordnung einer so gesteigerten Welt liegen nicht in logischen, ja, nicht einmal in vernünftigen Zusammenhängen. Sie sind nah, wenn der Traum Dinge und Herzen sinnlicher und bedeutsamer verbindet, als dem bewußten Gedanken erlaubt ist.

Celan – er ist heute Dreiunddreißig – wurde nach Jahren der Irrfahrt in Paris heimisch. Mehr als irgendein anderer deutscher Autor machte er sich die Stilmittel des Surrealismus zu eigen: Vertauschung der Sinnessphären, Vertauschung der Bedeutungsbereiche, Koppelung scheinbar unvereinbarer Wörter im ganz normalen Satz, wodurch Sinnbilder von neuer und ungewohnter Unmittelbarkeit entstehen:

Du denk mit mir: der Himmel von Paris, die

große Herbstzeitlose ...

Wir kauften Herzen bei den Blumenmädchen: