Der Einzelhandelsverband in K. hat einen Hauptgeschäftsführer, der einsichtig genug ist, zu erkennen, daß die Stellung des Einzelhandels in der Marktwirtschaft niemals besser sein kann als – die Summe aller individuellen betrieblichen Leistungen. Der Vorstand des Einzelhandelsverbandes in K. – also ein Gremium von „Praktikern“,

denen man im allgemeinen keine allzu große Einsicht in betriebswirtschaftliche Entwicklungsaufgaben nachsagt – war klug genug, sich dieser richtigen Auffassung anzuschließen und – unter ausdrücklicher Hervorhebung der „mittelständischen“ Belange der Mitgliedsfirmen – einen „Betriebswirtschaftlichen Arbeitskreis“ ins Leben zu rufen. Vor kurzem hat dieser Arbeitskreis (unter der fachkundigen und gründlichen Leitung eines Einzelhandels-Betriebswirts) sein erstes „Semester“ beendet. Das Ergebnis: 20 Einzelhändler (von rund 6000, die hier dem Einzelhandelsverband angehören) waren davon überzeugt, daß sie viele betriebswirtschaftliche Versäumnisse nachholen müssen, wenn sie fürderhin die Marktwirtschaft, also eine gewiß nicht absolut bequeme Wirtschaftsordnung, nicht nur mit Worten bejahen, sondern auch mit überzeugenden Taten festigen wollen.

Vor dem Hintergrund dieser – trotz allem – ermutigenden Erfolge eines einzelnen Verbandes gewinnen die Äußerungen einsichtiger Praktiker eine Bedeutung, die allmählich eine Neigung erkennen lassen, die mittelständischen Interessen nicht so sehr vom Staat, als vielmehr aus eigener Kraft vertreten zu lassen. Wenn wir uns mit einem Einzelhändler über die Stellung seines Berufsstandes in der Marktwirtschaft unterhalten, so können wir etwa das Folgende erfahren:

Der bisherige Verlauf der marktwirtschaftlich orientierten Wirtschaftspolitik hat eine fortschreitende Normalisierung auch für den Einzelhandel gebracht. Ein solcher Konjunkturwandel bringt natürlich auch Begleiterscheinungen mit sich, die nach meiner Meinung nicht mit den Prinzipien der Marktwirtschaft übereinstimmen. Der Einzelhandel – und darin sind sich, mit geringen Ausnahmen, so ungefähr alle meine Kollegen einig – begrüßt es vor allem, daß sich der Staat immer mehr direkter Eingriffe in den Wirtschaftsablauf enthält, wenngleich wir natürlich nach wie vor davon überzeugt sind, daß die konfiskatorische Steuergesetzgebung gerade die mittelständischen Betriebe trifft. Wir Einzelhändler wollen eine Selbstregulierung der Wirtschaft, weshalb wir auch gegen den Werks- und Behördenhandel ins Feld ziehen. Daß sich gerade hier Mißstände zeigen, die eine gleiche Wettbewerbslage für alle Betriebe nicht zulassen, ist inzwischen dank der intensiven Aufklärungsarbeit unserer Organisationen ebenfalls der Öffentlichkeit bekanntgeworden.

Ich möchte auch die Preisentwicklung im Einzelhandel – soweit sie in der Öffentlichkeit als problematisch angesehen wird – ebenso mit den anormalen Absatzwegen außerhalb des Einzelhandels in Verbindung bringen. Das Angebot kann nur dann für die gesamte Nachfrage „durchsichtig“ sein und bleiben, wenn alle Verbraucher davon überzeugt sind, daß das Einzelhandelsangebot tatsächlich das für sie ausschlaggebende Angebot ist. Sie wissen, was ich damit sagen will! Auch können wir uns keine Marktwirtschaft vorstellen, in der es keine Preisbindung der zweiten Hand gibt. Ob wir in jedem Falle mit einer solchen Preisbildung glücklich werden, möchte ich offen lassen. Jedenfalls steht fest, daß der Einzelhandel in den Jahren seit der Währungsreform infolge seiner glaubwürdigen Kalkulation und seiner Offenlegung der Handelsspannen an Ansehen in der Öffentlichkeit mehr und mehr gewonnen hat.

Ich selber halte eigentlich wenig von organisatorischen Zusammenschlüssen, Aber wenn ich Mitglied des Einzelhandelsverbandes geworden bin, so vor allem, um die Schlagkraft unserer Organisation in ihren so wesentlichen Steuerforderungen zu festigen! Die starke Progression der Einkommenbesteuerung und die Summe aller übrigen Belastungen an Steuern und sonstigen Abgaben erlauben uns ja eigentlich kein Leben mehr, das man mittelständisch bezeichnen kann. Gewiß, wir fahren unseren Wagen. Aber wieviel Arbeiter gibt es, die relativ kostspieligere Motorräder besitzen! Jedenfalls ist unsere Liquidität im allgemeinen so angespannt, daß gerade wir manchen Konsumverzicht leisten müssen, um unsere dringlichsten Verbindlichkeiten erfüllen zu können. Ich meine, daß die Marktwirtschaft auf jede staatliche Konjunkturpolitik verzichten könnte, wenn sie die Steuergesetzgebung wirtschaftsgerecht aufbauen würde.

Wenn Sie mich nach meiner Beurteilung der Marktwirtschaft fragen, so kann ich nur antworten, daß uns die gegenüber der Planwirtschaft unbequemere Marktwirtschaft lieber ist. Es muß aber eine Ordnung geschaffen werden, die besser ist als das, was man uns heute an Wettbewerbsordnung anbietet. Unser Berufsstand müßte eigentlich vor dem weiteren Vordringen großbetrieblicher Unternehmungsformen geschützt werden. Ob das gelingt, weiß ich nicht. Daher halte ich die Einrichtung von Betriebswirtschaftlichen Arbeitskreisen – unser Verband hier in K. hat diese Einrichtung ja geschaffen – eigentlich für wertvoller als noch so massive Resolutionen, die gewiß auch notwendig sind. Ich bin der Meinung, die Marktwirtschaft müßte es glaubhafter machen, daß das Kapital zugunsten der persönlichen kaufmännischen Leistung zurücktritt. Hier kann der Staat noch manches tun. Eine Hauptaufgabe für unsere Regierung, aber auch für unsere Verbände sehe ich daher vor allem darin, die gesamte marktwirtschaftliche Konzeption von den Elementen der Wettbewerbsunordnung zu befreien und der Leistung wieder den ihr in einer Leistungswirtschaft – und das will doch schließlich die Marktwirtschaft sein – gebührenden Platz einzuräumen.